Aufsatz 
Zu Schillers Wallenstein / von Hubert Beckhaus
Entstehung
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sich noch nicht zum Verrat gegen den Kaiser entschliessen, wiewohl dieser Böses gegen ihn im Schilde führt. Auch die Sterne haben den Augenblick des Handelns noch nicht angezeigt. Da unter- ternehmen es IIlo und Terzky ihrem Feldherrn das Handeln zu erleichtern. Sie erschleichen die Unterschrift der Generale. Diesen Verrat merkt Oktavio Piccolomini, jener falsche, schleichende Italiener!), auf den Wallenstein zu seinem Verderben ein unbedingtes, abergläubisches Vertrauen setzt. Anstatt Wallenstein zu warnen, hintergeht er seinen Freund aufs schmählichste und sinnt unter der Maske treuer Ergebenheit auf schmählichen Verrat. Diese Darstellung macht auf den Leser den Eindruck, als ob der Kaiser Böses gegen Wallenstein vorgehabt, und dieser sich dennoch zu dem not- wendigen Verrat nicht entschliessen konnte, weshalb Illo und Terzky ihrem Feldherrn das Handeln erleichtern. Dann wendet sich der Verfasser mit Entrüstung gegen Oktavio, jenen schleichenden Italiener, ist nicht der offene Max auch Italiener? als ob dieser der einzige Bösewicht, Wal- lenstein und selbst Illo und Terzky von besserer Art wären.

Khnlich verfährt eine vor kurzem erschienene Litteraturkunde von Zurbonsen! ²)Nur einer merkt den Verrat, heisst es von Illos und Terzkys Erschleichung der Unterschriften,Oktavio Pie- colomini, der falsche Italiener, welchem Wallenstein unerschütterliches Vertrauen schenkt.... Mit vollendeter Heuchlermiene täuscht Piccolomini den arglosen Feldherrn.

Nirgends eine Andeutung von der eigentümlichen Lage Oktavios. Dabei übersieht der Ver- fasser, dass auch Tiefenbach sagt, vor Tische habe man anders gelesen, und dass Buttler mit Hin- weis auf die Fälschung ausdrücklich erklärt, man habe ihn mit oder ohne Klausel. Auch ist für Questenberg gedruckt Gerstenberg.

Schliesslich hebe ich denselben Fehler noch hervor in der Ausgabe des Wallenstein mit Er- läuterungen für den Schulgebrauch und das Privatstudium von Funke²). Nach L. Cholevius*) bemerkt derselbe über Oktavio nur dieses:Er ist ein schlauer Fuchs, ein falscher, schleichender Ütaliener. Er täuscht Wallenstein und entfremdet ihm hinter dem Rücken seine Freunde. Die sonderbare Eatschuldigung, dass Wallenstein ihm sein Vertrauen aufgedrungen und dass er daher kein Unrecht thue, wenn er ihn hintergehe. Seines Sohnes gerechter Unwille über diese Falschheit. Scheinbar handelt er nur aus Treue gegen den Kaiser, aber er verschmäht dabei nicht den eigenen Vorteil. Die Erhebung in den Fürstenstand. Von Wallenstein dagegen heisst es nach Fr. Honcamp:

Sein Ehrgeiz nimmt den edlen Flug sittlicher Zwecke, womit er jedes deutsche Herz gewinnen muss, denn er will einen Frieden herbeiführen, der alle Teile befriedigen soll, will treuer Schirmherr

¹) Ebenso falsch urteilt Kluge:Themata zu deutschen Aufsätzen und Vorträgen für höhere Unterrichts- anstalten. 3 Aufl. 1882 S. 139 143. ²) Deutsche Litteraturkunde: Leitfaden für höhere Schulen von Zurbonsen. Berlin 1891. Nicolai. S. 129. ³) Paderborn& Münster. Schöningh 1885. S. 316 und 322. ¹⁴) Hit welcher Vorsicht Cholevius zu benutzen ist, das kann ein Thema zeigen, welches so unpädagogisch wie möglich ist, indem es Schüler zu einer wunderbaren Kritik über Shakespeares Julius Caesar verleiten soll. In seinenDispositionen und Materialien Bd. 1. Lpz. Teubner 7. Aufl. S. 102 101 werdendie Redekünste des M. Antonius in Shakespeares Julius Caesar III 2 behandelt. Zum Schluss versteigt sich der Verfasser zu folgenden Sätzen, welche eine merkwürdige Ver- kennung vom Zweck dieser Rede bekunden:Diese Scene ist oft von Unverständigen bewundert worden, sie gereicht aber dem Drama nicht zur Zierde: denn sie setzt Antonius, der sonst weit höher steht, in unserer Achtung herab. Cicero oder Demosthenes hätten eine solche Rede nicht gehalten. Shakespeare hat sich in der Schätzung des römischen Volks vergriffen, welches nach seiner Mehrzahl auch damals nicht so tief gesunken war. Armer Shatkespeare! Schiller dagegen in einem Briefe an Goethe vom 7. April 1797 sagt:Auch bei Shakespeare ist es mir heute, wie ich den Julius Caesar mit Schlegel durchging, recht merkwürdig gewesen, wie er das gemeine Volk mit einer so ungemeinen Grossheit behandelt..