Aufsatz 
Zu Schillers Wallenstein / von Hubert Beckhaus
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

uns zwar als ein ernster, sittenstrenger, ja fast finsterer Mann, der alle Freuden und Genüsse der Welt verschmäht. Unter dieser harten Aussenseite schlägt jedoch ein liebevolles Herz, das er sich durch alle Kriegsstärme zu bewahren gewusst, und das sich vornehmlich im Kreise seiner Familie zeigt. Der Herzogin gegenüber zeigt er sich alsder liebevolle Gatte, der sie im Un- glücke tröstet und ihr schützend zur Seite steht. Ebenso ist das Verhältnis zwischeu ihm und seiner Schwester ein echt geschwisterliches. Er hat vor ihr kein Geheimnis, sondern rückhaltslos vertraut er ihr alle seine Pläne an und findet in ihr einen starken Beistand. Am deutlichsten aber zeigt sich sein liebevolles Herz seiner Tochter Thekla gegenüber..... Die Liebe zu ihr ist auch eine der Haupttriebfedern seiner Handlungen. Aussprüche wie:Eine Krone will ich sehn auf ihrem Haupt, oderAuf Europas Fürstenthron will ich mir einen Eidam suchen, zeigen deutlich, dass ihm für seine geliebte Thekla nichts hoch, nichts schön genug ist.

Wie steht das alles in Widerspruch mit dem Charakter Wallensteins! Wie kann man ihn als ernsten, sittenstrengen, fast finstern Mann bezeichnen! Er soll ein liebevoller Gatte sein, der der Herzogin im Unglück liebend zur Seite steht. Gegen ihre Tochter klagt sie(W. Tod III. 3):

Was hab' ich nicht getragen und gelitten,

In dieser Ehe unglücksvollem Bund...

Es lebt kein zweiter Friedland; du, mein Kind, Hast deiner Mutter Schicksal nicht zu fürchten.

Das Verhältnis zwischen ihm und der Gräfin Terzky diese ist jedoch nicht seine, sondern der Herzogin Schwester soll ein geschwisterliches sein. Nun treibt die Gräfin ihn mit aller Kraft zum Verbrechen.

Für seine Thekla ist ihm nichts hoch und schön genug. Im Stück ist sie, wie ihre Mutter, bestimmt, sich ihm zu opfern. Für sich strebt er in unersättlichem Ehrgeiz nach einer Krone; sie ist nur die seltene Münze seines Schatzes.

Nach diesen Proben hebe ich aus dem folgenden nur einiges heraus. Er soll seinen Offizieren, wie Isolani, in der uneigennützigsten Weise helfen. Aber Wallenstein will ihn wie die andern nur zu Werkzeugen seines Verrats machen. Dass er sich mit den Feinden in Verbindung setzt, soll nicht ein Verbrechen sein, während es im Drama mit den stärksten Ausdrücken als solches gekennzeichnet wird.

Wie nun Wallenstein unsere Teilnahme erregt, heisst es weiter,so erweckt die Schlech- tigkeit seiner Gegner unsern Unwillen. Hiermit wendet sich der Verfasser in einer wunderlichen Ausführung gegen die bösen Priester und Mönche, die ihn verleumden sollen, als ob Wallenstein nicht wirklich Verrat sinne. Der Kaiser soll den Mut haben, ihm offen den Oberbefehl zu nehmen, als ob das möglich wäre..

Von Buttler wird behauptet, er sei ihm zum Dank verpflichtet; was Wallenstein gegen Buttler gefehlt hat, wird verschwiegen. Von Oktavio wird verlangt, er solle dem Wallenstein Dank wissen, dass er ihm alle seine geheimen Pläne mitteilt. Wie das auf Oktavio wirken muss, dass er in ihm einen Genossen seines Verrats zu erblicken glaubt, davon hat der Verfasser keine Ahnung.

Diese Entschuldigung Wallensteins und unbedingte Verurteilung Oktavios findet man auch in Litteraturgeschichten, welche für Gymnasien bestimmt sind und ausgeführte Inhaltsangaben der klas- sischen Meisterwerke haben. In einem viel benutzten Buche¹) heisst es:Zunächst kann Wallenstein

¹) Geschichte der deutschen Nationallitteratur von Prof, Kluge, Altenburg 1890 21. Aufl.§. 181.