Aufsatz 
Zu Schillers Wallenstein / von Hubert Beckhaus
Entstehung
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Wiederholt nahm Schiller den Plan zum Wallenstein auf, um ihn wieder ruhn zu lassen, bis er, geläutert durch geschichtliche, philosophische, ästhetische Studien das mächtige Werk am 17. März 1799 zum Abschluss brachte. Wallenstein selbst ist der verwickeltste Charakter der dramatischen Litteratur überhaupt und doch ein einheitlicher, wahrer Charakter. Dabei ist das Stück von einem Umfange wie kein zweites. Die Lektüre desselben stellt an Lehrer und Schüler grosse Forde- rungen. Daher sollte man dies Drama nur mit den reifsten Schülern lesen. Leider ist nach den neuen Lehrplänen Wallenstein für Obersekunda bestimmt; nach meiner Ansicht sollte dort nur das Lager gelesen werden. Wenn man sieht, wie wenig oft selbst die Erklärer, welche geradezu für die obern Klassen der Schulen schreiben, den Charakter Wallensteins und seines Gegners Oktavio Piccolomini, erfasst haben, so muss das wohl zur Vorsicht mahnen. Möchte diese kleine Arbeit dazu beitragen, doss dieses ans Licht trete und dass das grossartige Stück seine Wirkung auf die Jugend nicht verfehle. Ich will daher wie in frühern Abhandlungen) versuchen, in Form einer Kritik andrer Ansichten, die zu positiven Ergebnissen führt, die Hauptcharaktere des Stücks zu beleuchten und so dem Verständnis und der Schule zu dienen. Denn wie man sich auch die Form der Erklärung denken mag, das Wichtigste ist doch, dass der Lehrer sich tief in die Dichtung einlebt und insbesondre die Haupt- charaktere richtig erfasst.

Ein zweiter Gesichtspunkt ist, wie in den andern Abhandlungen, der, zu zeigen, dass man nicht die Ausserungen Goethes und Schillers über ihre eigenen Werke vernachlässigen darf. Durch Benutzung ihrer Urteile, durch Versenken in ihre Anschauungen bewahrt man sich am besten vor Täuschungen.

Endlich möchte ich Lehrern des Deutschen, welche noch eine geringe Erfahrung haben, da- durch nützen, dass ich, ausgehend von dem Satze, eine gute Erklärung könne nur aus einer tiefen und klaren Erkenntnis des Dramas und aus einer lebendigen Versenkung in die Hauptcharaktere er- wachsen, auf ein Buch hinweise, welches ein solches Verständnis zu fördern wohl geeignet ist. Ich meine hier die sehr lebendige und begeisterte Darstellung von Werder:).

Aber das Werk ist nach meiner Ansicht nur nützlich, wenn eine Anzahl von recht erheblichen Irrtümern vorher als solche erkannt und so vermieden werden.

Bei dem Umfange der Litteratur, welche sich auf Schillers Walleustein bezieht, beschränke ich mich darauf,(I) die schiefe Auffassung der bezeichneten Hauptcharaktere des Dramas nur an wenigen Beispielen zu zeigen, um mich dann(II) eingehender mit den Werderschen Vorlesungen beschäftigen zu können und(III) mit methodischen Bemerkungen zu schliessen.

IJ.

Alle Fehler finden sich vereinigt bei Naumannꝰ) in einer Behandlung der Frage:Wodurch erregt Wallenstein bei Schiller unser Interesse? Nach einer keineswegs zu empfehlenden Einleitung, aus welcher wir erst sehen, dass der Wallenstein der sogenannten Trilogie gemeint sei, heisst es: Zunächst ist es der Charakter Wallensteins, welcher uns anzieht. Auf den ersten Blick erscheint er

¹) Shakespeares Macbeth und die Schillersche Bearbeitung, Programm von Ostrowo 1889. Zu Schillers Jungfrau von Orleans. Ostrowo 1890. ²) Vorlesungen über Schillers Wallenstein, gehalten an der Universität zu Berlin von Karl Werder. Berlin. Hertz 1889. ²) 25 Themata mit ausführlichen Dispositionen zu deutschen Aufsätzen und Stoffe au freien Vorträgen für die obern Klassen höherer Schulen von Julius Naumann, Leipzig. Teubner 1882. S. 113 flgd. vergl. auch dessenTheoretisch-Praktische Anleitung zur Abfassung deutscher Aufsätze. Lpz. Teubner ö5. Aufl, 1889. S. 347 flgd.