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des Reiches werden.“ Daun wird sein liebebedürftiges Herz hervorgehoben, sowie sein liebenswürdiges, rücksichtsvolles Benehmen gegen seine Familie.
So wird überall das Gute in Wallenstein übertrieben und Oktavios Verrat nirgends im wahren Lichte gezeigt. Diese gerügten Fehler wiegen um so schwerer, als der Schüler von selbst geneigt ist, den mächtigen Wallenstein zu entschuldigen, dessen Worte über Oktavios Verrat als einfache Wahr- heit zu nehmen, in der Unterredung zwischen Oktavio und Max sich völlig auf die Seite des Sohnes zu stellen. Und doch hat Schiller selbst gleich nach dem Erscheinen des Wallenstein eindringlich vor solchem Irrtume gewarut. Der Brief Schillers an Böttiger vom 1. März 1799]) ist so merkwürdig, dass ich ihn hier folgen lasse:
Jena, den 1. Mai flies: März] 1799 ²).
Sie sprechen in Ihren Bemerkungen mehreres treffend und glücklich aus, was ich in das Stück habe legen wollen und dem Takt des Zuschauers überlassen musste heraus zu fühlen, dass mich diese Versicherung meiner gelungenen Absicht notwendig erfreuen muss. Freilich konnte die Intention des Poeten nicht überall deutlich erscheinen, da zwischen ihm und dem Zuschauer der Schauspieler stand; nur meine Worte und das Ganze meines Gemäldes können gelten. So lag es z. B. nicht in meiner Absicht, noch in den Worten meines Textes, dass sich Oktavio Piccolomini als einen so gar schlimmen Mann, als einen Buben) darstellen sollte. In meinem Stück ist er das nie, er ist sogar ein ziemlich rechtlicher Mann, nach dem Weltbegriff, und die Schändlichkeit, die er begeht, sehen wir auf jedem Welttheater von Personen wiederholt, die, so wie er, von Recht und Pflicht strenge Begriffe haben. Er wählt zwar ein schlechtes Mittel, aber er verfolgt einen guten Zweck. Er will den Staat retten, er will seinem Kaiser dienen, den er nächst Gott als den höchsten Gegenstand aller Pflichten betrachtet. Er verrät einen Freund, der ihm vertraut, aber dieser Freund ist ein Verräter seines Kaisers, und in seinen Augen zugleich ein Unsinniger. Auch meiner Gräfin Terzky möchte etwas zu viel geschehen, wenn man Tücke und Schadenfreude zu Hauptzügen ihres Charakters machte. Sie strebt mit Geist, Kraft und einem bestimmten Willen nach einem grossen Zweck, ist aber freilich über die Mittel nicht verlegen. Ich nehme keine Frau aus, die auf dem politischen Theater, wenn sie Charakter und Ehrgeiz hat, moralischer bandelte.
Indem ich diese beiden Personen in Ihrer Achtung zu restituieren suche, muss ich den Wallen- stein selbst, als historische Person, etwas in derselben heruntersetzen. Der historische Wallenstein war nicht gross, der poetische sollte es nie sein. Der Wallenstein in der Geschichte hatte die Präsumtion für sich, ein grosser Feldherr zu sein, weil er glücklich, gewaltthätig und keck war, er war aber mehr ein Abgott der Soldateska, gegen die er splendid und königlich freigebig war, und die er auf Unkosten der ganzen Welt in Ansehen erhielt. Aber in seinem Betragen war er schwan- kend und unentschlossen, in seinen Plänen phantastisch und excentrisch und in der letzten Handlung seines Lebeus, der Verschwörung gegen den Kaiser, schwach, unbestimmt, ja sogar ungeschiekt. Was an ihm gross erscheinen, aber nur scheinen konnte, war das Rohe und Ungeheure, also gerade das,
. ¹) Bei Fielitz, Studien zu Schillers Dramen Leipzig. Teubner 1876. S. 98, bei Julian Schmidt, Schiller und seine Zeitgenossen. Leipzig. Herbig 1859. S. 421. ²) Böttiger hatte die erste Aufführung der Piccolomini in dem von Bertuch und Kraus herausgegebenen Journal des Luxus und der Moden besprochen(Februar-Heft S. 89— 97) und ihm ein Exemplar des Journals am 25. Februar(Kal. S. 73) zugeschickt. Schiller antwortete darauf, was Pielitz getreu aus der Minerva wiedergiebt. ³²) Böttiger schrieb in dem genannten Aufsatz§. 92 über Oktavio:„In mehreren Scenen der ersten Aufzüge wird diese Rolle da am meisten sprechen, wo sie ganz stumm, selbst in der Gebärde stumm ist. Dem Buben, der hier horcht, lst selbst das sichtbare Auflauschen Verrat. Das Auge allein ist hier dem Zuschauer die Pforte zum Innern“.


