Aufsatz 
Geschichte des Progymnasiums und der Realschule zu Michelstadt während der ersten 50 Jahre ihres Bestehens von 1834-1884
Entstehung
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menſchlicher Tätigkeit eine erhöhte Strebſamkeit, die eine Vervollkommnung des Schulunterrichts unbe⸗ dingt verlangte. Heſſen fand in ſeinem weiſen, vielerfahrenen Fürſten, Ludwig I., unter deſſen Regierung der Staat aus den Kriegswirren äußerlich vergrößert, innerlich den Forderungen der Zeit gemäß entwickelt, hervorgegangen war, einen hohen Kenner, Verehrer und Beförderer von Künſten und Wiſſen⸗ ſchaften, der ſich beſonders auch der Pflege der höheren Lehranſtalten, als den Stätten, in welchen die Grundlagen des Wiſſens und Könnens gelegt werden, thätig annahm. Auch unſere abgeſchloſſene Ge⸗ birgsgegend, in welcher übrigens ein gebildeter Beamten⸗ und Bürgerſtand den Wert einer höheren Bildung um ſo mehr zu ſchätzen wußte, als er ſelbſt oft genug ſich ſeine Bildung nur unter den größten Opfern und Schwierigkeiten angeeignet hatte, beſaß in ihrem Grafen Albert von Fürſtenau, einen viel⸗ ſeitig gebildeten, für alles Hohe, Edle und Schöne hochempfänglichen Mann, der namentlich neben den mannigfaltigſten Kenntniſſen zugleich einen richtigen Blick für alle Bedürfniſſe der hieſigen Gegend beſaß und denſelben zur Verwirklichung gemeinnütziger Anſtalten zu verwerten verſtand. Derſelbe erkannte daher das erhöhte Bildungsbedürfnis der hieſigen Bevölkerung, das weder durch die vorhandenen Schulen, noch durch die beiden hier angeſtellten Geiſtlichen oder durch Privatunterricht ausreichend be⸗ friedigt werden konnte. Daher trat im Anfang des Jahres 1823 auf Anregung des Grafen Albert von Erbach⸗Fürſtenau eine Reihe von Eltern zur Gründung einer höheren Privatſchule zuſammen. Dieſe Verſammlung fand unter deſſen Vorſitz im Schloß Fürſtenau am 26. März 1823 ſtatt. Die Motive zu derſelben ſind in folgender Weiſe dargeſtellt:

Um dem Wunſch vieler Familienväter zu Michelſtedt und in der Umgegend, den mangelhaften öffentlichen Unterricht an der Schule zu Michelſtadt durch Anſtellung eines oder einiger tüchtigen Privat⸗ lehrer zu ergänzen und dadurch die in vielfacher Hinſicht ſo unangenehme Notwendigkeit zu entfernen, die zur höheren Ausbildung beſtimmten Kinder ſchon in jüngeren Jahren an entfernte Erziehungsanſtalten zu ſenden um dieſem Wunſche, Vereinbarung der Mittel und damit Beförderung der Verwirklichung und Ausführung zu verſchaffen, veranlaßten des regierenden Herrn Grafen Albert zu Erbach⸗ Fürſtenau unſeres gnädigſten Herrn, Erlaucht, die Unterzeichneten bei Hochdemſelben heute zuſammenzu⸗ treten. Man vereinigte ſich in dieſer erſten Zuſammenkunft über die Beſchaffung der erforderlichen Mittel, Gewinnung eines geeigneten Lehrers, und eines paſſenden Lokales, ſowie über die Ausarbeitung eines vorläufigen Lehrplans und Aufſtellung einiger Principien hinſichtlich der Verwaltung. Außer von Sr. Erlaucht dem Grafen iſt dieſer erſte Sitzungsbericht von folgenden Perſonen unterzeichnet: Flach, Juſtiz⸗Amtmann, Reuling, Steuer⸗Commiſſär, Klump, Forſtmeiſter, Luck, Hof⸗Apotheker, Zentgraf, Land⸗ richter.é Amtsverweſer Bogen war durch Berufsgeſchäfte verhindert, perſönlich zu erſcheinen, hatte aber gleichfalls einen Beitrag zuſichern laſſen. Nachträglich unterzeichneten noch bedingungsweiſe Friedr. Glenz und E. Melsheimer. Hofprediger Bauer hatte das Geſchäft übernommen, ein zur Anſtellung tüchtiges Subject aufzufinden und in Vorſchlag zu bringen. Die Ausarbeitung des vorläufigen Lehrplans

wurde gleichfalls Herrn Hofprediger Bauer übertragen, der nach Rückſprache mit den beteiligten Eltern den Plan entwerfen und dann Sr. Erlaucht vorlegen ſollte. In dem Maße, in welchem mehrere an

der Privatlehranſtalt teilnehmen würden, ſollte die Zahl der anzuſtellenden Lehrer vermehrt und der Lehrplan erweitert werden. Auch für die Erbauung eines für den öffentlichen Unterricht beſtimmten und paſſenden Gebäudes, in welchem die geeignete Rückſicht auf ein ſchickliches Lokal für die zur Ergänzung des öffentlichen Unterrichts vorliegend verabredete Privatſchule genommen werden ſollte, wurde ſchon da⸗ mals Bedacht genommen. Auch in dieſer Beziehung gab Se. Erlaucht eine ſehr treffend motivierte Anregung, die jedoch vorerſt ohne den erwarteten Erfolg blieb. In einem bei unſeren Acten liegenden Schreiben an das Gräfliche Conſiſtorium, ſagt Hochderſelbe ſchon im Jahre 1822:

Schon lange her hat ſich bei dem beſſeren und gehaltvolleren Teile des Michelſtädter Publikums der Wunſch ſehr lebhaft hingeſtellt, für den Unterricht der Jugend ein eigenes Gebäude aufgeführt zu ſehen und durch Erreichung eines ſolchen Zweckes dem dringenden und in die Augen fallenden Bedürfnis in Bezug auf die Lokalität Abhilfe zu leiſten. Wenn man die Bevölkerung und den Gewerbfleiß des Städchens berückſichtigt und dabei von der Anſicht ausgeht, daß unſere vorgerückte Aufklärung die Ver⸗ vollkommnung des Schulunterrichts gebieteriſch erheiſcht, ſo iſt wohl nicht in Abrede zu ſtellen, daß das Schullokal in Michelſtadt wenig geeignet erſcheint, ein Fortſchreiten der Art zu erleichtern.

Nachdem auch die beiden Ortsgeiſtlichen, Herr Stadtpfarrer Heſſig und Herr Mitprediger Braun, zur Mitwirkung bei der zu gründenden Anſtalt aufgefordert worden waren, arbeiteten die beiden 14