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und nach vorzunehmen ſeien, um ſie den Bedürfniſſen der Zeit und den Anforderungen der anderen höheren Lehranſtalten, zu welchen ſie zum Teil vorbereiten ſoll, anzupaſſen. Denn jede wahrhaft geſunde Entwicklung ruht auf hiſtoriſchen Grundlagen, ſie knüpft an Vorhandenes an und baut auf der ſicheren Baſis der Erfahrung. Dieſen geſchichtlichen Rückblick beſchloſſen wir dann, in einer dem Programm beigegebenen Beilage zdem Publikum mit der Bitte zu überreichen, etwa vorhandene Lücken gütigſt ent⸗ ſchuldigen zu wollen; denn obgleich der Verfaſſer, geſtützt auf ſeine Wirkſamkeit als Lehrer an der hieſigen Schule in den Jahren 1854 und 1855, und als Direktor an derſelben von 1865 an, ſowie durch gewiſſenhafteſtes Studium der vorhandenen Quellen mit großer Freudigkeit an dieſe hochintereſſante und wichtige Arbeit herangegangen iſt, ſo erkannte er ſelbſt nur zu gut, daß ſeine Kräfte, die ohnedies durch anſtrengende Berufsarbeiten ſtark in Anſpruch genommen ſind, im Verhältnis zu den Anforde⸗ rungen, die man an eine allſeitige Behandlung einer derartigen Aufgabe ſtellen muß, kaum ausreichend ſind, namentlich da die Acten hier und dort Lücken zeigen und auch mündliche Mitteilungen nur ſehr ſpärlich anzuwenden waren. Die dieſer Abhandlung zu Grunde liegenden Quellen aber ſind: 1. die Acten des früheren Progymnaſiums, zugleich eine Fundgrube pädagogiſchen Wiſſens und reicher praktiſcher Er⸗ fahrungen; 2. drei Reden, gehalten bei der Einweihung und Eröffnung der Realſchule von Stadtpfarrer Heſſig, Oberſtudienrath Dr. Schmitthenner und Direktor Dr. Winterſtein; 3. die Lehrpläne der Realſchule zu Michelſtadt aus den Jahren 1834, 1836 und 1843; 4. die Geſchichte der Realſchule zu Michelſtadt während der erſten 25 Jahre ihres Beſtehens von 1834—1859, vorgetragen in Form einer Schulrede auf dem Actus 1859 durch Direktor Steinberger; 5. die in den jährlich erſcheinenden Programmen in der Rubrik„Chronik der Anſtalt“ enthaltenen Notizen und endlich 6. die Ergebniſſe unter der Leitung des Verfaſſers von dem Jahre 1865 an, die einen Teil ſeiner wichtigſten Lebenserfahrungen ausmachen und ihn mit Dank gegen Gottes Führungen und Seinen ſegensreichen Beiſtand erfüllen. Von dieſen Quellen hat die erſte merkwürdige Schickſale gehabt. Kurz vor dem Weggang Steinbergers von Michel⸗ ſtadt fand Oberpfarrer Simon dieſe Acten beim Ausräumen eines mit einer eiſernen Thüre verſchloſſenen Schrankes in der Sakriſtei der Stadtkirche. Steinberger, der lange nach ihnen gefahndet und ſie ſchmerzlich vermißt hatte, als er im Jahre 1859 ſeine Geſchichte der Realſchule zu Michelſtadt während der erſten 25 Jahre ihres Beſtehens ſchrieb und daher an die mündliche Ueberlieferung hierbei gebunden war, freute ſich außerordentlich, als endlich der längſterſehnte Schatz ans Tageslicht trat. Sie wanderten nun mit nach Friedberg, um dort zu gelegener Zeit mit Muße ſtudiert zu werden. Allein dieſe Muße kam nicht und in angeſtrengter, raſtloſer Tätigkeit als Direktor der dortigen Realſchule und ſpäter des Lehrer⸗ ſeminars fand Steinberger keine Zeit, an das Studium dieſer Acten heranzutreten. Abermals ruhten dieſelben in tiefer Verborgenheit, bis ſie beim Ausräumen des Speichers wiedergefunden wurden und nun nebſt einem freundlichen Schreiben Steinbergers an den Unterzeichneten gelangten. Steinberger ſagt am Schluß ſeines Schreibens: Es liegt viel Geiſt, Intereſſe und Arbeitskraft in dieſen Papieren begraben; der ganze Eifer der früheren Generation für Bildung und Erziehung der Jugend tritt vor uns und eine Arbeitsluſt, wie ſie die heutige Zeit nicht beſitzt.— Das ganze alte Michelſtadt und ſeine hervorragenden Koryphäen begegnen uns.— Bewahren Sie dieſe Papiere als die Baſis, auf welcher Ihre Realſchule er⸗ wachſen iſt. Mag die Nachwelt dann rüſtig fort bauen an dem Bau.—
Ich folge den Mahnworten dieſes hochverdienten Schulmannes, der namentlich für die hieſige Anſtalt faſt 20 Jahre lang mit treuer Liebe, raſtloſem Eifer, kluger Umſicht und glücklichem Erfolge gewirkt hat, indem ich dieſe Quelle zum Ausgangspunkt meiner Betrachtung mache und erfülle zugleich mit meiner Arbeit einen ſehnlichen Wunſch des Heimgegangenen, den er in ſeiner Geſchichte der Real⸗ ſchule zu Michelſtadt auch ausgeſprochen hat, wenn er ſagte, daß ſchon damals die hieſige Anſtalt eine, vom pädagogiſchen Standpunkte aus betrachtet, höchſt intereſſante Geſchichte gehabt habe, die verdiene, an einem anderen Orte als in einer Schulrede ausführlich behandelt zu werden. Möchten mir die Manen der vielerfahrenen Männer, welche für die Gründung und Fortentwicklung der Anſtalt gewirkt haben und ſchon längſt heimgegangen ſind, bei der Ausführung meiner Arbeit beiſtehen, damit ich mich ganz in den Geiſt der Entwicklung der Anſtalt verſenke und die Abſichten der Gründer und Leiter derſelben richtig deute!
Als die Erſchütterungen, welche im Anfange dieſes Jahrhunders Deutſchland und unſer engeres Vaterland Heſſen betroffen haben, ſich allmählich beruhigten, regte ſich auf den verſchiedenſten Gebieten


