Aufsatz 
Luft und Bewegung zur Gesundheitspflege in den Schulen
Entstehung
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Wir antworten: Je größer die Schule, je zahlreicher die Klaſſen, um ſo ſchlechter iſt die Luft der Schulzimmer, um ſo dringender iſt die Forderung reichlicher Ventilation und reichlicher Bewegung im Freien. Geſtatten die Treppenräume keine Möglichkeit ei ner raſchen Entleerung der Schulzimmer; ſo iſt die Schule eben ſchlecht gebaut.

Soll man denn auch den Schülern aus den Oberklaſſen der höheren Schulan ſtalten ſtündlich eine Pauſe gewähren und von ihnen verlangen, daß ſie dieſe Pauſe in freier Luft und kräftiger Bewegung verbringen? Mit andern Worten: bis zu welchem Al ter dauert bei Knaben und Mädchen das Bedürfniß einer raſchen, wechſelnden Bewegung, das ſich in den Laufſpielen der Jugend ausſpricht; und mit welchem Alter beginnt die Zeit, wo ruhiges Stehen und langſames Auf- und Abwandeln zur Erholung genügt? Dieſe Frage läßt ſich nur aus der Erfahrung beantworten.

Vor nicht langer Zeit waren Schulmänner in Darmſtadt der Anſicht, das Turnen ſei wot für die unteren Klaſſen recht empfehlenswerth, aber für die 17jährigen Herrn Primaner ſei es nicht mehr ſchicklich. Als ſpäter auch für die erſte Klaſſe das Turnen obligatoriſch wurde, war man der Meinung, zu Laufſpielen ſeien ſie doch ſchon zu alt, die müſſe man den jüngeren Schülern überlaſſen. Jetzt aber ſpielen unſere Primaner auf dem Turnplatz mit voller Luſt und Freude ihr Barſpiel, ſo gut wie die jüngeren. In dem Hofe unſeres Gymnaſiums ſehen wir die Schüler nur bis zum 14, höchſtens 15 Jahre Laufſpiele veranſtalten. Damit iſt aber noch nicht bewieſen, daß nach dem 15. Jahre das Laufſpiel in der Pauſe unangemeſſen ſei. Die Iugend ſondert ſich nach Klaſ⸗ ſen, namentlich ſcheiden ſich die über 14 Jahre alt ſind, von den jüngeren ab, und zwar gilt dies von den Mädchen, wie von den Knaben. Dieſem Trieb liegt ein weiſes Na turgeſetz zu Grunde. Die Lebenserfahrungen der verſchiedenen Altersſtufen ſollen nicht ausgetauſcht werden, ein großer Theil der Erkenntniß des ſiebzehnjährigen Jünglings ſoll dem 12jährigen Knaben vorenthalten bleiben. Ebenſo bei den Mädchen. Auch die Al ten haben in ihren Gymnaſien die älteren von den jüngeren ſtreng geſchieden. Darum ſondern ſich in unſerm Schulhof die einzelnen Klaſſen von einander ab, jede Klaſſe hat ihre durch das Herkommen beſtimmte Stelle. Der größte Theil des Hofes wird von den ſich tummelnden jüngeren Schülern eingenommen, die älteren ſtehen in den Ecken in Grup pen zuſammen und ſehen den jüngeren zu, die oberſten Klaſſen ſuchen auf der Straße eine abgeſonderte Stelle. Sie ſpielen nichtz weil ſie keinen Spielraum haben: denn auf dem Turnplatz, wo ſie einen abgeſonderten Raum haben, ſpielen alle Klaſſen gleich gern.

Es iſt daher durchaus nothwendig, daß jede Schule einen der Schülerzahl ent ſprechenden großen Spielraum habe. In England, wo man ſich auf die leibliche Erziehung beſſer verſteht, als bei uns, iſt bei allen Schulen für weite Tummelplätze ge ſorgt. ¹) Dort werden die Laufſpiele noch von Erwachſenen mit derſelben Luſt wie von Knaben betrieben. Aber bei uns wird das Bedürfniß in einer wahrhaft unbegreiflichen Weiſe verkannt. ²)

¹) Bgl. Wieſe, Briefe aus England. ²) In Darmſtadt hat man bei dem Neubau der höheren Töchterſchule, wo die günſtigſte Ge⸗