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einem Menſchenalter Sitte geworden, daß die Erwachſenen in der Bewegung des Spa⸗ zirengehens das Gleichgewicht gegen das anhaltende Sitzen herzuſtellen ſuchen. Für die Iugend iſt aber ein Spaziergang durchaus nicht die ihrem Bedürfniß entſprechende Be⸗ wegung. Beachten wir die Jugend, wenn ſie ſich ſelbſt überlaſſen, dem freien, in ihr wohnenden Triebe folgt. Wir ſehen ſie in ſteter Unruhe, in einem ſteten Wechſel von Bewegungen, die uns Alten oft faſt unbegreiflich, ja Vielen, deren Egoismus nicht ver⸗ mag, ſich auf einen andern Standpunkt, als auf den eigenen, d. h. auf den des Alters zu ſtellen, geradezu als eine Unart erſcheint. Warum dieſe ewig wechſelnde Bewegung? Weil ſie für die leibliche und geiſtige Entwickelung der Jugend noth⸗ wendig iſt, und weil deren Beſchränkung eine Hemmung und Gefährdung der natur⸗ gemäßen Entwickelung iſt ¹).
Wenn nun das anhaltende ruhige Sitzen in der Schule naturwidrig iſt; wenn wir es aber mit Rückſicht auf die geiſtige Ausbildung in der Schule dennoch fordern müſſen: ſo müſſen wir die ſchulfreie Zeit mit derſelben Strenge dazu verwenden, durch geſteigerte kräftige Bewegung den Erſatz zu bieten. Es genügt daher nicht zwiſchen je zwei Stun⸗ den eine Ruhe in der geiſtigen Anſtrengung eintreten, die Schüler einige Angenblicke in ſchlaffer Unthätigkeit auf den Schulbänken zuſammenſinken zu laſſen; ſondern die Schüler müſſen in jeder Pauſe hinaus ins Freie, und ſich, wenn auch nur auf einige Minuten in Lauf und Spiel und Ringen recht tüchtig tummeln und„austoben“. Nach kurzer, ausgiebiger Leibesbewegung kehrt die Klaſſe gern und willig zu geiſtiger Arbeit zurück, während bei Schülern die zu lange auf der Schulbank feſtgehalten werden, das unter⸗ drückte Bedürfniß nach Leibesbewegung in ſogenanntem„Rekeln“ und Spielen mit den Fingern ſich Luft zu machen ſucht. Man geſtatte keinem Schüler,— ausgenommen, wenn er krank iſt— während der Pauſe in dem Zimmer zn bleiben; denn gerade die ſchwa⸗ chen, ſchlaffen Kinder, denen die Bewegung in freier Luft am meiſten noth thut, bleiben gerne in der Stubenluft hocken. Iſt das Klaſſenzimmer entleert, ſo benutze man die Zeit zur Herſtellung einer ſtarken Ventilation, indem man alle Fenſter und Thüren öff⸗ net. Die Schüler nutzen, wie wir aus Erfahrung wiſſen, ſelbſt eine kurze Pauſe von 1—2 Minuten aus zu einem raſch geordneten Laufſpiele, und kehren friſch und fröhlich zur Arbeit zurück.
„Aber in großen Schulen“,— ſo iſt uns geſagt worden—„mit vielen zahlreichen Klaſſen, deren Zimmer zum Theil in höheren Stockwerken liegen, iſt ein ſolches Trepp auf Trepp ab nicht ausführbar.
¹1) Pappenheim Bd. II. S. 435.„Je jünger die Schulkinder ſind, deſto ſchärfer tritt bei denſelben jene muskulare Agilität hervor, die zur Entwickelung des Muskelſyſtems und des ganzen Körpers ſo unerläßlich und bei allen Thieren zu finden iſt: wie die jungen Ziegen und Hunde, treibt es die kleinen Kinder aus der ruhigen Situation in die bewegte. Man kann dieſem Triebe nicht zu viel die Zügel ſchießen laſſen, und wenn der Schulbeſuch für die Geſundheit der Kinder bedeutſam iſt; ſo liegt ſeine Bedentung auch weſentlich an dieſer Stelle: an dem erzwungenen Stillſitzen der Kin⸗ der. Ein Kind will, kann und ſoll nicht lange ſtille ſitzen“.„Wenn die Agilität ſich in keiner größeren Muskelaktion äußern kann, will ſie es durch die Zungenmuskeln thun“; d. h. man laſſe die Kinder ſich tüchtig im Freien bewegen, dann werden ſie im Schulzimmer Zucht be⸗ wahren und nicht ſchwätzen und plaudern. 5


