Aufsatz 
Luft und Bewegung zur Gesundheitspflege in den Schulen
Entstehung
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Lehrer, nicht über Faulheit zu ſchelten, ſondern in ſeinen Anſprüchen an die Jugend Maß zu halten.

In viel höherem Grade als das Sitzen und die Thätigkeit des Gehirns das Athmen verlangſamt, wird es durch die Muskelthätigkeit beſchleunigt und geſteigert. Jede Bewegung an dem menſchlichen Leibe wird durch die Zuſammenziehung eines oder meh rerer Muskeln bewirkt. Dieſe Zuſammenziehung übt einen Druck auf die den Muskel durchziehenden Blutgefäße aus, und beſchleunigt auf dieſe Weiſe den Blutumlauf ¹), mit dieſem zugleich den Verbrennungsprozeß, und kraft jener wunderbaren Uebereinſtimmung, die den ganzen menſchlichen Organismus beherrſcht, auch das Athmen, durch welches das zu jenem Verbrennungsprozeß erforderliche Maß von Sauerſtoff zugeführt wird ²). Durch kräftige und anhaltend fortgeſetzte Bewegung irgend eines Gliedes kann ſich ein ſonſt ruhender Menſch in kurzer Zeitaußer Athem bringen.

Schon in der Klaſſe ſelbſt gewährt namentlich den jüngeren Schülern, welche gerade einer ſolchen Bewegung am meiſten bedürfen, das Aufſtehen und ſich Niederſetzen auf die raſch wechſelnden Fragen, und das ſ. g. Certiren eine willkommene und die Kinder erfriſchende Bewegung und Abwechslung. Freygangs) empfiehlt geradezu dasTurnen im Schulzimmer, und gibt eine Reihe von Freiübungen au, welche ſich ausführen laſſen, ohne daß Staub aufgeregt, oder der Unterricht in den anſtoßenden Zimmern durch das Geräuſch geſtört werde. Für die jüngeren Klaſſen und bei ungünſtigem Wetter dürfte dieſer Vorſchlag nicht zu verwerfen ſein.

Im Allgemeinen jedoch iſt die Bewegung in freier Luft vorzuziehen; weil es nicht bloß darauf ankommt, daß oft und kräftig, ſondern daß möglichſt viel gute Luft geathmet werde.

Ueber den Werth des Turnens in dieſer und in anderer Hinſicht iſt genug geſagt worden. Nach vorſtehenden Betrachtungen dürfen wir wol ſagen, daß zwei Turnſtun den in der Woche nicht ausreichen. In Würtemberg) hat man bereits 4 Stunden wöchentlich angeſetzt. Aber ſelbſt 4 Stunden Leibesübungen ſind nicht genügend. Es iſt dafür Sorge zu tragen, daß die Schüler in jeder Pauſe, zwiſchen je zwei Stunden, zu kräftiger Bewegung angeleitet werden 5).

Denn das Bedürfniß der Bewegung iſt viel ſtärker und durchaus anderer Art bei der heranwachſenden Jugend, als bei Erwachſenen. Es iſt erſt ſeit etwas mehr als

¹) Budge, S. 150.Jede Bewegung fördert die Schnelligkeit des Blutſtroms in den Kapillarge⸗ äßen.

²) nhe ndt, S. 323.Die Athmungsfrequenz ſteht in genauer Beziehung zur Pulsfrequenz: im Mittel kommt nämlich auf 4 Herzpulſe Eine Athmung.

³) Freygang, S. 70 84.

) Turnordnung für die dem Kgl. Studienrath unterſtellten öffentlichen Unterrichtsanſtalten, Stutt⸗ gart 1863, abgedruckt in Jäger, Turnſchule für die deutſche Jugend, Leipzig 1864.

³) Pappenheim, Bd. II., S. 438.Aber man muß ſich hier deſſen klar bewußt werden, daß das Turnen einer Stunde in der Woche, oder auch das zweimalige zu mehreren Stunden nicht die na⸗

turgemäße Befriedigung des phyſiologiſchen Bedürfniſſes iſt. Dies letztere verlangt alltägliches Aktiviren der Muskulatur.