Aufsatz 
Luft und Bewegung zur Gesundheitspflege in den Schulen
Entstehung
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Aber auch an die Schule müſſen wir die Forderung ſtellen, daß ſie den Schülern nicht zu viel häusliche Aufgaben zumuthe. Die Lehrer bedenken in der Regel nicht genug, daß wenn ein Jeder von ihnen auch nur wenig fordert, die Summe des Aufgegebenen für den Schüler leicht zu viel wird. Namentlich junge, ſtrebſame Lehrer in öffentlichen wie in Privatanſtalten fallen leicht in dieſen Fehler. Es ſind uns ſehr viele Fälle bekannt, daß Knaben und Mädchen von 7 bis 8 Jahren außer den 6 Stun den Schulunterricht zu Hauſe noch 3 Stunden an ihren Aufgaben ſitzen und ſie endlich nur mit Nachhülfe der Eltern zu Stande bringen. Eine ſolche Ueberladung iſt unver antwortlich und eine Verſündigung an unſern Kindern. Es gibt freilich Eltern, die mit der Schule unzufrieden ſind, wenn ſie nicht dafür ſorgt, daß die Kinder zu Hauſe den ganzen Abend ruhig an den Schreibtiſch gebannt werden.

Dies führt uns zu dem dritten Mittel, deſſen reichliche Anwendung wir gefordert haben: möglichſt viel Bewegung in freier Luft.

Vermöge der mangelhaften Ventilation iſt die Luft in den Schulzimmern ungeſund. Die Schüler athmen in der Schule ſchlechte Luft; ſie athmen aber auch zu wenig Luft, weil ſie zu viel ſitzen und zu wenig Bewegung haben.

Die Zahl der Athemzüge und das Maß der eingeathmeten Luft(die vitale Capa cität der Lungen) iſt geringer beim Liegen und Sitzen als im Stehen ¹).Auch wenn die Arme herabhängen, kann dadurch eine Beeinträchtigung des Athmens entſtehen, daß der Körper, durch die beim längeren Sitzen, namentlich beim Sitzen ohne Rücklehne, noth wendig werdende Anſtrengung der Rückenmuskeln ermüdet, in ſich zuſammenſinkt ²). Der Rhythmus des Athmens wird bedingt durch die Thätigkeit des vom Gehirn verlaufenden nervus vagus ³). Anhaltende Thätigkeit des Gehirns verlangſamt das Athmen). Die Einwirkung übermäßiger Gehirnthätigkeit auf die Athmungsorgane kann von jedem Lehrer beobachtet werden, wenn er ſieht, wie übermäßig angeſtrengte Schüler anfangen zu gäh nen) und plötzlich heftig und tief aufzuathmen. Dieſe Erſcheinung iſt in der Regel mit auffallender Bläſſe oder Röthe des Antlitzes verbunden, ſie deutet auf Ueberreizung des Gehirns und Störung des Blutumlaufes, und iſt eine ernſte Mahnung an den

¹) Budge, S. 74,im Verhältniß von 220: 255: 260.

²) Paſſavant, S. 23.

²) Ueber die Abhängigkeit der Athmungsbewegungen vom Nervenſyſtem vgl. Wundt, S. 331 fg.

) Lorinſer, S. 10, 11.Die vorgebogene Stellung beim Leſen, Schreiben, Zeichnen u. dgl., die leiſen, kurzen Athemzüge(Yrespiratio parva), die allezeit eintreten, wenn die Aufmerkſamkeit rege oder geſpannt iſt, laſſen nicht zu, daß die Lungen vollſtändig ausgedehnt, die Luft in denſelben gehörig erneuert und ausgeſchieden, und die Muskeln der Bruſt in hinlänglicher Uebung und Thätig keit erhalten werden. Der ganze Prozeß der Reſpiration geſchieht auf dieſe Weiſe nur halb und un⸗ vollkommen; ein Mangel, der oft lange Zeit ohne bemerkbaren Nachtheil ertragen wird, der aber in einem jugendlichen, zumal mit ſchwacher Bruſt begabten Körper täglich viele Stunden fortdauernd, für die Bereitung und den Umlauf des Blutes ſowol, wie für die Lungen ſelbſt von den ſchädlichſten Folgen und das wichtigſte Moment der ſo häufigen Lungenſucht iſt, wenn dieſe auch viel ſpäter, und öfters erſt zwiſchen dem zwanzigſten und vierzigſten Jahre zum Ausbruch gelangt.

) Johannes Müller, Handbuch der Phyſiologie des Menſchen, Coblenz 1838, S. 343, 345.