Aufsatz 
Luft und Bewegung zur Gesundheitspflege in den Schulen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

30

Zeit der Anſtellung im Staatsdienſt hängt im Ganzen nur von der Zahl der er⸗ ledigten Stellen und der Bewerber, nicht aber von der Zeit der Entlaſſung von der Schule ab.

Die geſunde leibliche und geiſtige Entwickelung fordert ferner, daß nur ſolche Schüler in eine höhere Klaſſe verſetzt werden, welche leiblich und gei ſtig dazu reif ſind, und die Kraft erlangt haben, den geſteigerten Anforderungen der höheren Klaſſe ohne übermäßige Anſtrengung zu genügen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß in allen Fällen, wo wir Schüler ein Jahr länger in einer Klaſſe zurückbehalten, kein Nachlaſſen der Entwickelung, ſondern nur günſtige Einwirkungen zu beobachten waren.

Leider findet man bei den Eltern ſehr ſelten die Einſicht, daß ein ſchwacher Schüler durch längeres Verweilen in einer Klaſſe in ſeiner Arbeit erleichtert, und dadurch in Stand geſetzt wird, mit Erfolg und mit der Freude des Erfolges zu arbeiten, und daß die leichtere, freudig geleiſtete Arbeit das beſte Mittel zu leiblicher und geiſtiger Kräf⸗ tigung iſt. Statt deſſen überladen ſie das arme Kind, das die Laſt des in der Schule ſeinen ſchwachen Schultern Auferlegten nicht zu tragen vermag, mit neuen Laſten, mit Privatſtunden.Ich will ja gern das Opfer an Geld bringen ſo hört man ſie ſagenaber verſetzt muß er werden. Ja wol, ſie bringen ein Opfer, nämlich das eigne Kind opfern ſie dem Götzen ihrer Einbildung. Die geforderte Anſtrengung außer der Schule macht in ſolchen Fällen den Schüler ganz unfähig, dem Unterricht in der Schule mit Spannung zu folgen, und er verſinkt nur tiefer in leibliches und geiſtiges Siechthum, deſſen Merkmale Schlaffheit, Trägheit, übele Laune und Zerſtreutheit ſind.

Aber auch geiſtig kräftige und begabte Schüler werden vielfach durch die Privat⸗ ſtunden, die zu dem Unterricht der öffentlichen Anſtalten hinzugeſetzt werden, in ihrer Entwickelung weſentlich geſchädigt. Es geſchieht dies namentlich von ſolchen Eltern, welche meinen, die Jugend müſſe in der Schule vor allen Dingen dasjenige lernen, was ſie im ſpäteren praktiſchen Leben und in dem Verkehr mit den Menſchen unmittelbar ver⸗ werthen oder in Geld und Verdienſt umſetzen könne, alſo Realien, neuere Sprachen und dergleichen. Ueber den relativen Werth dieſer oder der mehr formalen Unterrichtsgegen⸗ ſtände, nicht für das Leben, ſondern für die Erziehung zum Leben kann man ſtrei⸗ ten: das Publikum, das über die Faſſungskraft der Jugend und über die Wirkſamkeit der verſchiedenen Unterrichtsgegenſtände keine Erfahrung haben kann, neigt ſich den realen, unmittelbare Anwendung verſprechenden Fächern zu; erfahrene Schulmänner dagegen ſind ſelten im Zweifel darüber, daß auch für die praktiſchen Lebenszwecke der ſogenannte for male Erziehungsweg die beſten Reſultate erzielt; und der immer wieder gehörte Ruf nach Reform der Real- und techniſchen Schulen beweiſt, daß man auch im Publikum durch die bisherigen Reſultate der realen, techniſchen Bildung nicht zufrieden geſtellt iſt. Aber jedenfalls ſollte man ſich für den einen oder den andern Bildungsgang entſcheiden, und nicht zu gleicher Zeit, wie das in Darnſtadt viel geſchieht, im Gymnaſium eine humaniſtiſche Bildung und durch Privatunterricht daneben eine realiſtiſche Bildung er⸗ ſtreben; denn das Reſultat einer ſolchen Ueberladung iſt weder das Eine noch das andere, ſondern Halbwiſſen, leibliche und geiſtige Erſchlaffung und Unfähigkeit zu ausgiebiger Arbeit.