Aufsatz 
Luft und Bewegung zur Gesundheitspflege in den Schulen
Entstehung
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Wir fordern daher nach jeder Unterrichtsſtunde eine reichlich gemeſſene Unterbrechung ¹), und hänfige, wenn auch kurze Ferien ²).

Wie ſoll aber die Schule im Stande ſein, bei einer ſo beſchränkten Unterrichtszeit alles das zu leiſten, was von ihr gefordert wird?

Sie wird in kürzerer Zeit mehr leiſten als bisher, wenn die Schüler in der kürze⸗ ren Zeit mit der vollen Kraft der Geſundheit arbeiten ³). Sie wird in kürzerer Zeit mehr leiſten, wenn die Schüler relativ älter ſind. Ein Schüler von 15 Jahren lernt ohne Mühe beſſer und in kürzerer Zeit dasſelbe, was ein Schüler von 13 Jahren nur mit äußerſter Anſtrengung, langſam und ungenügend lernt. Es iſt alſo reiner Zeitge⸗ winn, wenn man die Schüler ſpäter aufnimmt und ſpäter entläßt. Wenn an unſere Gymnaſiaſten mit durchſchnittlich 18 Jahren in der Matnritätsprüfung verordnungsmäßig ganz dieſelben Forderungen geſtellt werden, wie an die Schüler der Preußiſchen Gym⸗ naſien, von denen nach amtlichen Mittheilungen ¹4) im Jahre 1863 79% in einem Alter von über 19 Jahren, und 53% in einem Alter von über 20 Jahren entlaſſen wurden: ſo iſt klar, daß dieſen Forderungen bei uns nur annähernd und zum Nachtheil der Ge ſundheit entſprochen werden kann). Ein oder zwei Jahre länger in der Schule iſt ein Gewinn für das ganze Leben, der den Vortheil des früheren Eintritts in das Geſchäft reichlich und mit Zinſen aufwiegt. Ein 14 jähriger Knabe wird auch für ſeinen Beruf in einem weiteren Schuljahr mehr Gewinn ziehen, als von dem erſten Lehrjahre in der Werkſtatt oder auf dem Komptoir, wo er in der Regel nur zu geiſttödtenden Schreiber und Ausläufersdienſten verwendet wird, wo er nicht nur Nichts lernt, ſondern ſehr Vieles verlernt. Ein Jahr länger auf dem Gymnaſium würde bei allgemeiner Durchführung nur die troſtloſe, öde Acceſſiſten- oder Referendarienzeit um ein Jahr abkürzen; denn die

*) Vgl. das ſehr lehrreiche 10. Kapitel bei Guillaume, S. 84 fg.Die Schüler in Zürich, Bern und andern Städten der deutſchen Schweiz, denen man nach jeder Unterrichtsſtunde eine Pauſe von einigen Minnten gönnt, ſind weit ruhiger als die unſrigen(in der franzöſiſchen Schweiz). Nach dem Gutachten des Kgl. Medicinal⸗Collegiums(Stiehl, S. 338) findet in der Rheinprovinznach jeder Stunde eine kurze Unterbrechung des Unterrichts, oft bis zu einer Viertelſtunde dauernd, ſtatt. Schon Johannes Heurnius, de morbis humani capitis, Lugd. Batav. 1594 behauptet,daß der Erfolg der Studien von der Zwiſchenzeit abhängig ſei, die der Erholung gewidmet werde; ebenſo Gregorius Horst de tuenda valetudine studiosorum, Giessae 1615,daß man, um mit Liebe und Nutzen zu lernen, nur Weniges hören und leſen müſſe. Lorinſer, S. 9.

²) Guillaume, 11. Kapitel, S. 89.

³) Steinbeis, Elemente der Gewerbbeförderung, nachgewieſen an den Grundlagen der belgiſchen Induſtrie, Stuttgart 1853, S. 71 und 176, zeigt, daß die Kinder in den belgiſchen Freiſchulen bei zwei bis drei täglichen Lehrſtunden in wenigen Schuljahren weiter kommen, als die Schüler in an⸗ deren Schulen bei doppelt ſo viel und mehr Schulſtunden in mehr Jahren.

) Wieſe, das höhere Schulweſen in Preußen, 1864.

*) Die neuerdings wieder Mode gewordenen Klagen über die geringen Leiſtungen der heſſiſchen Gym⸗ naſien im Vergleich mit den preußiſchen werden ihre Berechtigung verlieren, wenn man in Anſchlag bringt, daß letztere die Schüler Ein bis zwei Jahre länger behalten als erſtere, und zwar gerade in dem Alter von 18 bis 20 Jahren, wo bekanntlich die raſcheſte und bedeutendſte Entwickelung des Geiſteslebens Statt findet.