Die Herſtellung von geräumigen Schnlhöfen iſt aber um ſo mehr geboten, wo wie das in Darmſtadt der Fall iſt, der geſteigerte Verkehr auf den Straßen nicht mehr ge— ſtattet, daß man die Kinder auf den Straßen ihr Weſen treiben läßt, wo vielmehr aus ſittlichen Gründen darauf zu achten iſt, daß die Kinder ſich nicht nach Art gaffender Mü⸗ ßiggänger auf den Straßen umhertreiben.
Endlich berühren wir noch eine für die Entwickelung der Athemorgane und mittel⸗ bar des ganzen Organismus nothwendige Bewegung, das Sprechen, Singen und Schreien.
Es iſt eine bekannte Erfahrung aus der Kinderſtube, daß Kinder, die nicht ſchreien, nicht alt werden. Es gibt eine beſondere Krankheit, Atelektaſie genannt, die darin beſteht, daß die Kinder nicht ſchreien, und in der Regel tödlich iſt. Kleine Kinder ſchreien nicht nur um ein Bedürfniß kund zu geben, oder aus Mißbehagen und im Gefühl eines Schmerzes; ſie ſchreien auch aus Behagen. Dieſes Schreien iſt eine für ihr Gedeihen unbedingt nothwendige Leibesübung. Aber auch große Kinder, Knaben und Mädchen, beginnen, ſobald man ihnen die Freiheit läßt, zu ſchreien. Selbſt einzelne Kinder erheben ihre Stimmen, wenn ſie ſich wohl fühlen, ſie pfeifen, ſingen, jauchzen und ſchreien. Sind aber mehrere zuſammen, ſo ſteigert ſich die Unterhaltung ſofort zu einem lärmenden, ſinn— verwirrenden Geſchrei. Iſt das nun wieder eine Unart? Oder iſt es nicht vielmehr in der Art, in dem Naturgeſetz begründet und nothwendig? Wenn wir aus ſittlichen Gründen von der Jugend verlangen, daß ſie in Gegenwart der Alten ſich mäßige, wenn wir in der Schule fordern, daß ſie ſtundenlang ſchweige: ſo müſſen wir der Jugend zu anderer und gelegener Zeit ihr Recht gönnen, wir müſſen um ihrer Geſundheit willen dafür Sorge tragen, daß ihr Raum gegeben werde zu einer ausgiebigen Anſtrengung der Lungen. Wir fordern dies Recht nicht nur für die Knaben, ſondern in noch höherem
legenheit zur Erwerbung eines Spielplatzes gegeben war, aus Sparſamkeit einen ganz kleinen Schul⸗
hof hergeſtellt. Hier kommen bei einer Schülerzahl von 395 Mädchen auf jedes Kind nur 22 Qua⸗ dratfuß Hofraum, alſo nur 3 ½ Quadratfuß mehr als Pappenheim für 10—14jährige Schüler in dem Schulzimmer fordert. Der Hof der Garniſonsſchule iſt in der Regel durch die vor der verpachteten Scheune ſtehenden Ackergeräthe und Wagen dermaßen ausgefüllt, daß für die Bewegung der Knaben wenig Raum bleibt, höchſtens 19 Quadratfuß auf den Kopf. Die Städtiſche Freiſchule am Ballonplatz hat, ſo zu ſagen, gar keinen Hof, ſondern nur ſo viel Raum, als für den Zugang zu der Schule und den dicht dabei liegenden Aborten erforderlich iſt, nämlich 4 Quadratfuß auf das
Kind. Der freie Platz vor dem Schulhauſe iſt einen großen Theil der guten Jahreszeit von den ex⸗
erzierenden Soldaten in Anſpruch genommen. Der Schulhof der Stadtknabenſchule in dem ehe⸗
maligen Pädagogium iſt durch die neue Aulage der Pädagoggaſſe abgeſchnitten, ſo daß auf den
Schüler nur 4 Quadratfuß Hofraum kommen, wo wie oben(Seite 17, Anmerkung 3) berührt, eine
wahre Peſtluft lagert. Der Spielraum vor dem Turuhaus, das während der ganzen Schul⸗
zeit ununterbrochen von je zwei Klaſſen— jede durchſchnittlich von 40— 80 Schülern— aller öffent⸗ lichen Schulen benutzt wird, reicht für Eine Klaſſe nothdürftig aus. Aber weiler vor die Flucht des Gymnaſiums und der techniſchen Schule hinausragt, geht der neue Stadt⸗ plan damit um,— man ſollte es nicht für möglich halten— der geraden Linie zu lieb ein ſo großes Stück abzuſchneiden, daß er fortan für eine zahlreiche Klaſſe zum Spielen nicht mehr zu gebrauchen iſt, und doch fehlt es gerade dort nicht an freiem Ranme, wie die neu gepflanzten Alleen und Anlagen beweiſen.


