Aufsatz 
Luft und Bewegung zur Gesundheitspflege in den Schulen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

27

arzt: denn ohne dieſe Kenntniß iſt er nicht im Stande, die ſittliche und geiſtige Ent⸗ wickelung ſeiner Schüler richtig zu beurtheilen. Nimmt man die gehörige Rückſicht auf diejenigen, welche der Schonung bedürfen und die unangenehme Kälteempfindung ¹) iſt ein zuverläſſiger Thermometer ſo gewöhnt ſich die Jugend, wie wir uns in lang jähriger Erfahrung überzeugt, leicht und mit Luſt an die Zugluft: und der Lehrer wird finden, daß eine Klaſſe bei offenen Fenſtern freudiger und begieriger lernt, als in der abgeſchloſſenen verdumpfenen Luft des geſchloſſenen Zimmers.

Möglichſt gute Ventilation der Schulzimmer iſt alſo das wichtigſte Mittel gegen die nachtheiligen Einwirkungen der Schulluft. Da aber in der Praxis eine ſolche Ventila⸗ tion nicht in genügender Weiſe durchzuführen iſt; ſo heißt unſere zweite Forderung: Be⸗ ſchränkung des Aufenthalts in dem Schulzimmer auf die möglichſt kür⸗ zeſte Zeit.

Erſtens bringe man die Kinder nicht vor zurückgelegtem 7. Jahre zur Schule. Seit Plato und Ariſtoteles haben alle Aerzte ihre Stimme gegen den früheren Schulbeſuch erhoben ²), aber mit geringem Erfolg; denn in den meiſten deutſchen Ländern iſt der Beginn der Schulzeit auf das 6. Jahr geſetzt. Sogenannte Spiel⸗ und Klein⸗ Kinderſchulen ſind aber nur zuläſſig als ein nothdürftiges Surrogat, wo die Mutter durch die Nothwendigkeit den Lebensunterhalt zu verdienen oder durch Krankheit verhin⸗ dert iſt, die Kinder unter eigner Aufſicht zu behalten. Sie ſind ſchädlich, weil ſie die Kinder im zarteſten Alter in engem Raum zuſammenhalten. Wohlhabende geſunde Mütter, welche ihre Kinder früher als mit 7 Jahren zur Schule thun, vernachläſſigen, ohne es zu wiſſen, ihre Mutterpflicht; ſie verfündigen ſich an der leiblichen und geiſtigen Entwicke⸗ lung der Kinder. Was die Kinder vor dem zurückgelegten 7. Jahre in der Schule lernen, lernen ſie ſpäter leichter und beſſer. Die ſpielende Behandlung des Lernens, zu der der unentwickelte Zuſtand der Kinder den Lehrer verleitet, ſtumpft für den Ernſt des ſpäteren Lernens ab. Aus den Klein⸗Kinderſchulen kommen vorzugsweiſe ſolche Schüler, über deren Zerſtreutheit, Schlaffheit undſpielendes Weſen in den höhern Klaſſen ge⸗ klagt wird ³).

¹) S. oben S. 22.

²) Paldamus, die Aerzte und das Schulweſen, Programm der höheren Bürgerſchule, Frankfurt 1864, Seite 26.

³) Paldamus, S. 34:Daß Verfrühung des Unterrichts im Ganzen nachtheilig wirke, das wird jeder Lehrer beſtätigen, der einige Erfahrung und einigen Sinn für Beobachtung beſitzt. Es iſt eine überall gemachte Wahrnehmung, daß in den unteren und mittleren Klaſſen viele Schüler, die zu den beſten Hoffnungen Aulaß gaben, plötzlich Halt machen; dieſe rückgängige Bewegung tritt oft noch ſpäter ein, und in der Regel bei ſolchen, die einen ganz beſonders glücklich ſcheinenden Anlauf nehmen. Solche Kinder, welche erſt im 7. Jahre oder nach Vollendung desſelben in die Schule eintreten, und zwar ohne Unterricht genoſſen zu haben, für die der erſte Schulunterricht in der unterſten Klaſſe wirklich und ohne Klauſel der erſte Unterricht iſt, entwickeln ſich in den weitaus meiſten Fällen beſſer und ſicherer, als die, welche für dieſen Anfang in der oder jener Weiſe zurecht gemacht waren. Und ebenſo unzweifelhaft iſt es, daß diejenigen Schüler, mit denen es, je weiter ſie hinauf⸗ rückten, deſto weniger vorwärts wollte, an denen Zerſtreutheit, träumeriſches Weſen, Denkträgheit

4*