Aufsatz 
Luft und Bewegung zur Gesundheitspflege in den Schulen
Entstehung
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gewöhnen, und ſich dieſes beſten und allerwohlfeilſten Ventilators in der Schule nach Kräften zu bedienen.

Luft? Ja! Aber Zug? Gegenzug? Nein! nein! Iſt es doch ein Glau bensſatz, den jeder gute Deutſche mit der Muttermilch eingeſogen hat, daß Zug oder Gegenzug der Geſundheit ſchlechterdings und unter allen Umſtänden nachtheilig ſei.

Wir beabſichtigen gar nicht zu leugnen, daß ſehr viele Erkältungen durch Zugluft entſtehen. Wir empfehlen die Zugluft als geſund nur ſoweit, als ſie ver⸗ tragen wird. Betrachten wir die Sache ctwas näher.

Bekanntlich hört man faſt bei jeder Erkrankung als ſelbſtverſtändliche Urſache eine Erkältung angeben. Und doch läßt ſich nur in ſeltenen Fällen ein wirklicher Zuſam⸗ menhang zwiſchen der Krankheit und einer beſtimmt nachweisbaren Erkältung auffinden. Die Lehre von den Erkältungen, die in dem Urtheil der Laien ſo reichlich Anwendung findet, iſt ſelbſt nach den Forſchungen der neueſten Wiſſenſchaft*) kaum zu den erſten Anfängen der Erkenntniß gelangt. Uhle und Wagner ſagen: ²)Häufiger und ent ſchiedener als durch lang anhaltende extreme Temperaturen leidet der Organismus durch raſchen Wechſel der Temperatur, und zwar ſelbſt durch den Kontraſt von ſolchen Tem⸗ peraturen, welche an und für ſich erträglich ſind und vom Individuum oft ſchon ertra⸗ gen wurden. Man nennt dieſen Vorgang Erkältung. Die Erkältung, d. h. der Tem⸗ peraturwechſel wirkt um ſo entſchiedener nachtheilig auf die Geſundheit, wenn die ver ſchieden temperirte Luft zugleich in ſtärkerer Bewegung begriffen iſt(Zug, Zugluft), und wenn ſie Theile der Haut trifft, die ſonſt bedeckt getragen werden oder eben ſchwitzen. Mit dieſem Vorgange der Erkältung wird eine ätiologiſche Thatſache bezeichnet. Davon wird ſich Jeder, auch der Unglänubigſte, gelegentlich an ſich ſelbſt überzeugen. Aber eben ſo gewiß iſt, daß gerade dieſe Aetiologie von Laien und Aerzten vielfach gemißbraucht, gedankenlos ausgeſprochen wird; und ebenſo gewiß iſt, daß der Vorgang vieles Dunkele in ſich ſchließt.Zunächſt iſt zu bedenken, daß geſunde und kränkliche Leute ſich Tag für Tag Temperaturwechſeln ausſetzen müſſen und keine übeln Folgen davon tragen. Wenn+ 150 im Zimmer und 15 im Freien ſind, ſo haben wir eine Differenz von 30, und doch erkälten ſich im Winter weniger Leute, als im Frühjahr oder Sommer bei einer Differenz von wenigen Graden. Wenn man ſich nun aber alltäglich ſolchen Tempe⸗ raturwechſeln ausſetzt, wie will man beſtimmen, ob, wenn irgend eine Krankheit ausbricht, dieſelbe mit einer Erkältung zuſammenhängt? Gewiß wird es Jedem leicht ſein, ſich dann auf eine ſolche Abkühlung zu beſinnen.Indeß zweierlei Erſcheinungen deuten auf den Zuſammenhang gewiſſer Abkühlungen und der Krankheit: einmal empfindet der ſich Erkältende die auffallende Kühlung unangenehm, bekommt bald all⸗ gemeines Fröſteln, und zweitens ſchließt ſich ſehr bald daran allgemeines Krankheitsgefühl und der Eintritt beſtimmter Krankheitsſymptome.

Wann man ſich alſo erkältet, d. h. wann die Abkühlung eine Erkrankung zur Folge hat, das ſcheint nicht ſowol von einer abſoluten, beſtimmten äußeren Urſache, wie

¹) Vgl. Paul Uhle und Ernſt Wagner, Handbuch der allgemeinen Pathologie, Leipzig 1862, S. 88. ²) S. 83.