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menge. Schon aus dieſem Grunde iſt es ſehr erklaͤrlich, daß Schiller es vorzog Individuen in den Vorder⸗ grund der dramatiſchen Handlung zu ſtellen und ſich nicht damit begnuͤgte die Bewegung des Volkes als eines Ganzen zur Darſtellung zu bringen. Aber ſeine Arbeit an der Darſtellung der Individuen begann erſt da, wo die des Chroniſten aufhoͤrte. Er hat die geheimſten Offenbarungen der Menſchennatur auszuſpuü⸗ ren, zu enthüͤllen und aus ſolchen Motiven abzuleiten, fur welche der Zuſchauer Verſtändniß beſitzt; die Empfindungen ſeines Helden muͤſſen allgemein menſchliche ſein, von dem Zuſchauer tief nachempfunden wer⸗ den können. Je mehr die Seelenbewegungen nicht aus eigenthümlichen ſondern aus allgemein menſchlichen Empfindungen entſpringen, deſto ſtärkeres Intereſſe und deſto ſtärkere Wirkung auf die Zuſchauer kann der Dichter von ſeinem Drama erwarten. Wenn Schiller die Entrüſtung des Volkes allein über die Verletzung der Rechte des Landes zur Grundlage für die dramatiſche Handlung hätte machen wollen, durfte er erwar⸗ ten bei den Zuſchauern Verſtändniß und Empfänglichkeit dafür zu finden? durfte er ihnen die Fähigkeit zutrauen ſich in die Lage der Bedruͤckten lebhaft zu verſetzen und ihre Leiden vollſtändig mitzufühlen? Ein⸗ zelnen durfte er dieſe Fähigkeit zutrauen, im Allgemeinen aber mußte er ſich ſagen, daß Bedrückung aus po⸗ litiſchen Gründen, Rechtsverletzungen, nicht an Einzelnen ſondern an einem ganzen Volke verübt, der Kampf gegen dieſe, als Action eines ganzen Volkes gedacht, fuͤr die Vorſtellung der Zuſchauer wenig faßbare Dinge ſind, daß ſie zu ſehr der realen Beſtimmtheit entbehren. Wenn dagegen die Aufmerkſamkeit auf Indivi⸗ duen gelenkt wird, wenn deren Bedrängniß durch erſchuͤtternde Ereigniſſe zur Anſchauung gebracht, ihre dramatiſche Entwicklung auf Empfindungen baſiert wird, welche in jeder Menſchenbruſt ſtarken Anklang fin⸗ den, dann hat der Dichter Alles gethan, um das Intereſſe des Zuſchauers zu erregen und ſeinem Drama die tiefſte Wirkung zu ſichern. Darum hat er im Tell neben die Volksperſönlichkeit Individuen als Trä⸗ ger der Handlung geſtellt und dieſe handeln aus Motiven, welche dem Berſtand und Gemüth jedes Zu. ſchauers zuſagen.
Nach dem Geſagten! hat alſo der Dichter auf ſein Publicum Rückſicht genommen. Nicht weniger kommt ſeine eigene Perſönlichkeit in Anſchlag. Als er die Tſchudiſche Chronik las, mochten die oben bezeichneten Beiſpiele tyranniſcher Gewalt beſonderen Eindruck auf ihn machen, vermöge ſeiner Individualitaͤt aber das eine Ereigniß ſtaͤrker und tiefer noch als das andere ſein Herz ergreifen. Er hat ſie alle im Drama ver⸗ werthet. Die Verletzung der Heiligkeit der Ehe wird fuͤr den Ehemann, die grauſame Rache am alten Vater für den Sohn, die übermuͤthige Gefährdung des Lebens ſeines Kindes für den Vater das Motiv der dramatiſchen Entwicklung. Die beiden erſten Motive treten im Schillerſchen Drama an Bedeutung gegen das dritte zuruͤck. Man wird indeß nicht zweifeln koͤnnen, daß der Dichter das Verhäͤltniß haͤtte umkehren konnen, daß er Baumgarten oder Melchthal anſtatt Tells haͤtte zur hervotragendſten Perſon machen koͤnnen. Warum hat er Tell den Vorzug gegeben? Einmal nimmt die Tellepiſode in der ſchweizeriſchen Ueberliefe⸗ rung den bedeutendſten Platz ein, wofür allein der Umſtand Beweis genug iſt, daß ſeit der Mitte des ſechs⸗ zehnten Jahrhunderts ein Tellſchauſpiel exiſtiert. Sodann hatte der Dichter zuerſt von Goöͤthe die Anregung zur Behandlung dieſes Stoffes erhalten, welcher eine Zeit lang mit dem Plane umging ein epiſches Gedicht„Tell“ zu ſchreiben. Auch dadurch war ohne Zweifel Schillers Intereſſe gerade dieſer Perſon zu⸗ gewendet worden. Der bedeutſamſte Entſcheidungsgrund iſt aber im Gemuͤth des Dichters ſelbſt zu ſuchen. Er, der zärtlich liebende Vater, mochte beim Leſen der Chronik gerade von der Tell betreffenden Erzäh⸗ lung am heftigſten ergriffen, von Geßlers grauſamem Zwange gegen Tells Vaterherz mochte des Dichters Vaterherz am ſchwerſten verwundet worden ſein. Er war alſo in der Lage ſeine eigene Empfindung in das Drama auszugießen. Neben Tell iſt Rudenz als Hauptperſon in das Drama aufgenommen. Sein Antheil an der Handlung iſt ganz und gar aus der freien Erfindung des Dichters hervorgegangen. Die Erzählung in den Quellen bot ihm nicht geringe Veranlaſſung die Stellung des Adels zu der Sache des Volkes nicht unberuhrt zu laſſen und zugleich mochte es ihm willkommen ſein dem Zuſchauer den Be⸗ freiungskampf nothwendiger und erhebender dadurch erſcheinen zu laſſen, daß er alle Klaſſen des Volkes an demſelben mithelfen ließ. Der Freiherr von Attinghauſen war bei ſeinem hohen Alter aber nicht eine


