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z. B. Geßler. Eine innere Bewegung und Umwandlung iſt bei ihm nicht zu entdecken; ebenſo nicht am alten Freiherrn. An den Hauptſcenen werden nur diejenigen Eigenſchaften nachdrücklich hewworgehdben⸗ aus denen die Handlung des Stückes verſtändlich wird.
Die Charactere entwickeln ſich mit der Handlung. Ihr Weſen tritt in der Art und Weiſe zu Tage, wie ſie entweder aus ihrem Inneren heraus nach außen wirken, oder wie ſie durch von außen kommende Einwirkungen in ihrem Inneren beſtimmt werden. Im erſten Falle iſt es gleichgültig, ob der erſte Anſtoß zur inneren Bewegung aus der Seele der Perſon ſelbſt entſpringt, oder ob er von außen in dieſelbe gewor⸗ fen wird. Iſt dieſer aber einmal gegeben, ſo entſpinnt ſich daraus der Fortgang der Seelenbewegung, die leidenſchaftlich erregte Empfindung geſtaltet ſich zu einem heftigen Begehren, deſſen innewohnende Triebkraft fortwirkt und die Entwicklung der Handlung weſentlich von ſich abhängig macht. Gegen die aus ſtarker, leidenſchaftlicher Erregung hervorgehende Action des dramatiſchen Helden erhebt ſich, wenn dieſelbe einen gewiſſen Höhepunkt erreicht hat, eine Reaction, welcher er entweder unterliegt— und dann iſt das Drama ein Trauerſpiel, oder welche von ihm uͤberwunden wird— und dann iſt es ein Schauſpiel. Im anderen Falle iſt die Action von Anfang an gegen den Helden gerichtet, wir beobachten die dadurch in ihm erzeugte und fortſchreitende Seelenbewegung bis zum Hoͤhepunkt, von wo ab von ihm die Reaction ausgeht. Von dem Gelingen oder Mißlingen dieſes Kampfes des Helden iſt es abhaͤngig, ob das Drama ein Trauerſpiel
oder Schauſpiel iſt.
Es iſt leicht erſichtlich, daß im Tell die dramatiſche Entwicklung der Hauptcharactere nach dieſen beiden einander entgegengeſetzten Arten geſchieht. In Stauffachers Seele wird von ſeiner Gattin nur die erſte Anregung geworfen, für welche er übrigens ſo ſehr vorbereitet und empfaͤnglich war, daß der Dich⸗ ter ſie haͤtte recht wohl ohne fremden Anſtoß aus des Mannes eigener Empfindung koͤnnen emporwachſen laſſen. Von da ab entſpringt alles Folgende aus ihm; er treibt aus ſeiner wachſenden Empfindung heraus die Handlung ſelbſtthätig vorwärts bis zum Hoͤhepunkt, bis zum Schluſſe der Rüͤtliſcene. Von da ab wird ſie weiter gefuͤhrt durch Rudenz' Eingreifen in den Plan der Eidgenoſſen. An Tell wird die dramatiſche Entwicklung des Characters durch das, was von außen auf ihn eindringt, bewirkt, die Action ſeines Gegen⸗ ſpielers Geßler treibt ihn zu dem Entſchluſſe, von welchem ab ſeine Reaction beginnt, die mit Geßlers Ermor⸗ dung ihr Ziel erreicht. Ebenſo wird an Rudenz die innere Wandlung, das iſt ja das Werden des Cha⸗ racters im Drama, durch die Gegenſpieler herbeigeführt, durch den Freiherrn, durch Bertha, durch Geßler. Nachdem dieſe geſchehen, iſt ſein Handeln Ausfluß ſeines Inneren, er führr die Handlung ſelſthan der Kataſtrophe, entgegen.—
Berhältniß zwiſchen dem Inhalt des Dramas und den vom dichter beneßtsn hiſtoriſchen Quellen.
Schiller ſchöpfte ſeine Bekanntſchaft mit der ſchweizeriſchen Befreiungsgeſchichte aus Tſchudis Chro⸗ nik und J. v. Müllers Geſchichten Schweizeriſcher Eidgenoſſenſchaft. Die Umformung des hiſtoriſchen Stof⸗ fes zu dramatiſcher Handlung war ſeine Aufgabe. Haͤtte er ſich ſtreng an den überlieferten Stoff gebunden, ſo waͤre aus ſeiner Arbeit Nichts geworden als eine in einzelnen Scenen dargeſtellte Geſchichte des ſchwei⸗ zeriſchen Freiheitskampfes. Er waͤre ein dichtender Hiſtoriker geworden. Die Ueberlieferung bot ihm als Motiv, aus welchem der Freiheitskampf ſich entwickelt, die harte Bedrückung der Waldſtätte, um die Ländergier des Kaiſers zu befriedigen. Darin treten beſonders hervor die Drohungen Geßlers gegen Stauffacher und die Frevelthaten der Landvoͤgte, Wolfenſchiehens gegen Baumgartens Weib, Landenbergs gegen den alten Melch⸗ thal, Geßlers gegen Tell. Je mehr ſolcher einzelner Züge der Chroniſt erzählte, je mehr er aus der Maſſe des Volkes einzelne Individuen heraushob, und ihre beſonderen Leiden, ihren beſonderen Antheil an dem Befreiungswerke in den Vordergrund ſeiner Darſtellung rückte, deſto reichere Auswahl bot er dem Dichter. Gerade dieſer Stoff mußte ihm am willkommenſten ſein. Das Augenmerk des dramatiſchen Dich⸗ ters iſt ja auf das innere Leben der Menſchen gerichtet, er will Seelenbewegungen darſtellen. Es iſt ein⸗ leuchtend, daß er das an einzelnen Individuen viel leichter, tiefer, wahrer kann als an einer Menſchen⸗


