Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell. Versuch einer methodischen Erklärung dieses Dramas in der Sekunda des Gymnasiums
Entstehung
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er überhaupt geloͤſt werden ſoll. Sie beginnt mit dem vierten Act, mit Tells Befreiung und mit Rudenz' und der Eidgenoſſen Vereinigung zum augenblicklichen Beginn des Kampfes. Sie vollzieht ſich in raſch aufeinander folgenden Schlagen am Ende des vierten Actes und in der erſten Scene des fünften. Die einzelnen Momente der Befreiung, Geßlers Ermordung, die Zerſtoͤrung der Burgen, des Kaiſers Tod ſind unmittelbar an einander gerückt. Sie werden ſo auch äußerlich zu einer Einheit verbunden, ſtellen ſich als eine Action dar, wie ſie innerlich zuſammengehoͤren, weil ſie dem einen Ziel, der Befreiung von ungerech⸗ ter Bedruͤckung zuführen. Durch den Tod des Kaiſers iſt dies Ziel ſicher erreicht. Das Bewußtſein davon wird von den Eidgenoſſen klar ausgeſprochen. Von großer Furcht ſind ſie entledigt; nun iſt zu hoffen auf Gerechtigkeit, der neue Kaiſer wird ſie ſchirmen gegen Oeſtreichs Rache.

Die beiden letzten Scenen bilden den Schluß. Auf Kampf und Blutvergießen folgt Friede und Verſoͤhnung, auf ungerechte Bedrückung der Triumph der Freiheit.

Die Charactere.

Wie die Handlung des ernſten Dramas eine gewiſſe Großartigkeit haben muß, um das Intereſſe der Zuſchauer zu feſſeln, ſo muͤſſen auch die Perſonen, welche zu Traͤgern der Handlung gemacht werden, über das Maaß gewoͤhnlicher Menſchen hinausreichen. Sie müſſen Eigenſchaften beſitzen, welche Bewunderung erwecken, ſie müſſen zu großen Dingen fähig ſein, ſtark an Empfindung und Willen. Je mehr ſie ſcharf ausgepraͤgte Züge in ihrem Weſen haben, deſto paſſender werden ſie mit dem Worte Charactere bezeichnet.

Die dramatiſche Handlung hat Vorausſetzungen, ohne deren Kenntniß die Handlung ſelbſt nicht verſtanden werden kann. Auch die Grundzüge des geiſtigen und ſittlichen Weſens der Charactere, ohne welche die im Drama dargeſtellten Seelenproceſſe und das durch dieſe beſtimmte Handeln der Perſonen un⸗ verſtandlich bleiben, müſſen vom Dichter gezeichnet werden. So wenig aber die Expoſitionsſcenen an ſich fuͤr den Zuſchauer eine Bedeutung haben, da ſie vielmehr nur ein unentbehrliches Hulſsmittel ſind, um das Verſtändniß der Handlung zu ermoͤglichen, eben ſo wenig hat die vorbereitende Zeichnung der Charactere ein anderes Intereſſe für den Zuſchauer, als daß er dadurch in den Stand geſetzt wird die pſychologiſche Ent⸗ wicklung der handelnden Perſonen zu beobachten, ihre Beziehung zur Handlung zu begreifen. Wenn auch die Handlung einen wohl verſtäͤndlichen Zuſammenhang hat, ſo wird doch durch jene Beobachtung die Er⸗ klärung mancher Begebenheiten ſehr erleichtert. Für den denkenden Zuſchauer, welcher daran gewöhnt iſt die Vorgänge im Innern des Menſchen prüfend zu verfolgen, welcher ſich nicht damit begnügt der Außenſeite der Ereigniſſe ſeine Aufmerkſamkeit zuzuwenden ſondern den Grund derſelben zu erforſchen, pflegt die Be⸗ trachtung des inneren Lebens der auf der Bühne auftretenden Perſonen einen beſonderen Reiz zu haben.

Es iſt Aufgabe der dramatiſchen Kunſt in das Innere aller Perſonen, welche an der Handlung Theil haben, dem Zuſchauer einen Einblick zu gewähren, ſo viel als möglich an allen Seelenproceſſe erkenn⸗ bar werden zu laſſen. Indeß leuchtet von ſelbſt ein, daß das in deſto beſchraͤnkterem Maaße möglich iſt, je groͤßer die Zahl der Perſonen iſt, und daß die Hauptperſonen für die Handlung auch hinſichtlich ihrer pſycho⸗ logiſchen Entwicklung das Intereſſe des Zuſchauers am meiſten auf ſich ziehen.

Bei der Darſtellung der Charactere muß ſich der Dichter eine Beſchränkung auflegen. Es iſt durchaus nicht ſeine Aufgabe dabei nach Vollſtaͤndigkeit zu ſtreben, alle bedeutſamen Züge hervorzuheben, vielmehr ſind alle diejenigen Eigenſchaften, welche für die Handlung des Stückes bedeutungslos ſind, unbeachtet zu laſſen, diejenigen aber, welche in dem Drama wirkſam werden, um ſo ſchaͤrfer und nachdruͤcklicher zu zeichnen. Demnach werden dramatiſche Charactere immer einſeitig ſein und zwar um ſo mehr, je mehr klar und beſtimmt die Motive ſind, aus denen die Perſonen handeln.

An den Hauptperſonen koͤnnen wir im Wilhelm Tell die Seelenproceſſe, welche von ihnen durch⸗ gemacht werden, alſo das Werden der Charactere im Verlaufe des Stuckes vortrefflich wahrnehmen, z. B. an Stauffacher, Tell, Rudenz. Andere Perſonen wiederum, welche in der Handlung bedeutend hervortreten und für den Zuſchauer von nicht geringem Intereſſe ſind, bieten wenig Stoff zu pſychologiſcher Beobachtung,