Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell. Versuch einer methodischen Erklärung dieses Dramas in der Sekunda des Gymnasiums
Entstehung
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laſſen. Für das Rudenzdrama iſt dieſe Scene von weſentlicher Bedeutung, indem der Zuſchauer hier zuerſt die in Rudenz vorgegangene Umwandlung erkennt, indem aus ſeinem Auftreten Berthas Gefangenſetzung folgt, indem hier die Eidgenoſſen ſich von Rudenz' Sinnesäͤnderung überzeugen, was ihrer bald darduf erfolgenden Verbindung zu gemeinſamem Kampfe nothwendig vorausgehen mußte.

In Folge dieſer auf Schloß Attinghauſen ſtattfindenden Verbindung verſchmelzen das Schweizer⸗ drama und das Rudenzdrama ganz mit einander. Der Beſchluß der Eidgenoſſen das Feſt des Herrn ab⸗ zuwarten wird von Rudenz durchkreuzt, ihr Plan geht in Rudenz' raſchem Handeln auf. Die zweite Scene des vierten Actes, in welcher jene Verbindung bewirkt wird, iſt alſo das Bindeglied für die beiden Hand⸗ lungen des Schweizerdramas und des Rudenzdramas. Endlich die letzte Scene bildet den gemeinſamen Schluß für alle drei Handlungen. Alle feiern das Freudenfeſt der Befreiung aus harter Noth. Das Land iſt frei, die Unſchuld iſt ſicher, die Geliebte iſt gewonnen.

Ueberſchauen wir nun den Bau des Stückes im Ganzen. Der Dichter wollte die Befreiung der Waldſtätte durch die Geſammtheit des Volkes, mit Einſchluß des Adels, darſtellen. Alles was dazu dient die Stellung der zur Befreiung mitwirkenden Perſonen vor dem Beginn der dramatiſchen Entwicklung zu kennzeichnen, mit anderen Worten, alles dasjenige, was die nothwendigen Vorausſetzungen der zur Befrei⸗ ung führenden dramatiſchen Bewegung umfaßt, iſt demnach zur Expoſition des Dramas zu rechnen. Dazu gehört der ganze erſte Act. Die Bundſchließung der drei Maͤnner und Stauffachers vorausgehende Thaͤtig⸗ keit iſt nur Vorbereitung des von ihm beabſichtigten Bundes. Jene drei ſetzen ſich als nächſtes Ziel noch nicht die Befreiung des Landes ſondern die Anwerbung von Freunden, damit der Bund zu Stande komme, durch welchen die Befreiung in's Werk geſetzt werden koͤnne. Sie ſind auch nicht Repraͤſentanten des Volkes, ſondern erſt die auf dem Rütli Verſammelten conſtituieren ſich als Landsgemeinde, ſie gelten dem Dichter als die das Schweizervolk vertretende Perſon. Für das Handeln dieſer Perſon ſind alle die Begebenhei⸗ ten, welche den Inhalt des erſten Actes ausmachen, Einleitung und Vorausſetzung. Die dramatiſche Ent⸗ wicklung dieſer Perſon wird in einer ausgeführten Scene auf dem Rütli bis zu ihrem Höhepunkt geführt. Die dort gefaßten Beſchluͤſſe ſind ihr Erebni Der Höhepunft des Schweizerdramas iſt alſo am Ende des zweiten Actes erreicht.

Die erſte Scene des zweiten Actes enthaͤlt die Expoſition ſpeciell für das Rudenzdrama. Die für das Telldrama iſt zum größten Theil in den erſten Act verflochten. Tells Auftreten bei Baumgartens Rettung, ſodann ſein Geſpräch mit Stauffacher, ferner das mit ſeinem Sohne Walther und endlich die Hutaufpflanzung bilden die Expoſition. Eine Ergaͤnzung hierzu iſt die erſte Scene des dritten Actes. Am Schluß derſelben macht der Aufbruch nach Altorf den Uebergang zur folgenden. Dieſe Situationsſcene vor Tells Hauſe war unentbehrlich, da die ganze Handlung des Telldramas des Mannes Verhältniß als Gatte und Vater zur Grundlage hat. In den erſten Act konnte ſie aber unmoͤglich geſtellt werden; ſie würde dort ganz fremdartig ſein. Von ihr abgeſehen, umfaßt alſo die Expoſition des ganzen Stückes den erſten Act und die erſte Scene des zweiten Actes. Mit dem zweiten Act ſchließt, wie ſchon geſagt, die aufſteigende Handlung des Schweizerdramas.

Der dritte Act enthält das Telldrama und Rudenzdrama, beide bis zu dem Punkte, wo die Span⸗ nung des Zuſchauers auf's Hoͤchſte geſteigert iſt, da Tell gefangen abgeführt wird, um in ewiger Gefangen⸗ ſchaft zu verkommen, und Rudenz ganz mit Geßler gebrochen hat. Es iſt ein Punkt, wo dem Zuſchauer jede troͤſtende Ausſicht abgeſchnitten iſt. Er fuͤhlt, daß die Loſung des Knotens jetzt eintreten muß, wenn