Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell. Versuch einer methodischen Erklärung dieses Dramas in der Sekunda des Gymnasiums
Entstehung
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der Dichter durch die drei Handlungen dramatiſch zu geſtalten ſich vorgeſetzt hatte. Es ſind folgende: 1, Zur Befriedigung fuͤrſtlicher Herrſchſucht und Habſucht ſoll ein Volk durch harten Druck vermocht werden auf ſein altes Recht, ſeine Freiheit zu verzichten. Zur Nothwehr getrieben wirft es den Druck ab und ſein nun wieder gewonnenes Recht wird durch den Tod ſeines Bedrängers ſicher geſtellt. 2, Ein junger Edel⸗ mann iſt durch die Liebe auf die Seite der Bedrücker ſeines Vaterlandes gezogen. Durch die Geliebte wird er dem Vaterlande wieder gewonnen. Zur Erkenntniß gebracht, daß er nur durch Befreiung des Vaterlandes in den Beſitz der Geliebten gelangen kann, hilft er die Befreiung erkämpfen und erhält ihre Hand. 3, Ein Mann, der den auf ſeinem Vaterlande laſtenden Druck kennt, auch ſelbſt ſchon die harte Hand des Be⸗ drückers gefühlt hat, entzieht ſich dem Bunde zum gemeinſamen Kampfe gegen die Bedrückung. Grauſamer Zwang gegen ſeine Vaterliebe veranlaßt ihn den Bedränger zu erſchießen, um ähnlichen Frevel für die Zu⸗ kunft zu verhuͤten. Er führt dadurch den ſchwerſten Theil des Kampfes zur Befreiung des Landes aus, welcher von ſeinen Landsleuten vollendet wird.

Faſſen wir die drei Handlungen zuſammen, ſo iſt der Inhalt des Schillerſchen Dramas fol⸗ gender: Zur Durchführung der herrſchſuͤchtigen Pläne des Kaiſers ſollen die Waldſtaͤtte vermocht wer⸗ den die Herrſchaft Oeſtreichs anzuerkennen. Die Voöͤgte des Kaiſers ſuchen dieſes Ziel zu erreichen durch Verführung des Adels, durch ein Regiment, welches den Rechten des Landes Hohn ſpricht, Ehre, Eigenthum, Leben des Einzelnen nicht achtet, die heiligſten menſchlichen Gefühle grauſam verletzt, auch gegen den Adel, wenn die Mittel der Verfuͤhrung nicht mehr verfangen, zu frecher Gewaltthat greift. Dadurch fordern ſie einen Kampf heraus, welcher aus verſchiedenen Veranlaſſungen von drei Seiten zu gleicher Zeit ſich gegen ſie erhebt. Tell und Rudenz verfechten ihre eigene Sache, jedoch mit dem Bewußtſein und Wil⸗ len damit zugleich der allgemeinen Sache ihres Landes zu dienen. Für ſie ſo gut wie für die Eidgenoſſen gilt es, den Druck, welcher auf dem Lande laſtet, zu beſeitigen. Das erreichen ſie. Die Ausſicht auf dau⸗ ernde Beſeitigung wird durch den Tod des Kaiſers, der aller Noth⸗ Urheber war und geblieben ſein würde, gewonnen.

Wie die drei Hundlungen innerlich zu einer Einheit zuſanmengefabt ſind, ſo hat der Dichter es verſtanden ſie auch äußerlich auf mannigfache Weiſe zu verknuͤpfen. Er hat naͤmlich die Hauptperſonen der einen Handlung zugleich als Nebenperſonen in einer oder in beiden anderen verwendet, z. B. Tell und die Eidgenoſſen; er hat einigen Scenentheilen einen Platz gegeben, welcher beim erſten Anblick befremdlich erſcheint, z. B. der Aufpflanzung des Hutes in Altorf, wofuͤr wir jedoch die Erklärung zu geben verſucht haben. Dadurch iſt es unmöglich gemacht das Telldrama im dritten und vierten Act vom erſten Act, in welchem die Hutaufpflanzung ſteht, zu löſen.

Einige Scenen ſind recht eigentlich Bindegliedet für die verſchiedenen Hun Nungen, z. B. die Ap⸗ felſchußſcene in Altorf, welche wie fuͤr das Telldrama ſo auch fuür das Rudenzdrama nothwendig iſt. Hier werden die Hauptperſonen aus den drei Handlungen zuſammengeführt. Daß Rudenz und Bertha in Geßlers Jagdgefolge hier erſcheinen, wird fuür Niemand befremdlich ſein, daß aber Stauffacher in Altorf iſt, kann man nur als Zufall auffaſſen, und daß Melchthal, welcher vorher in W. Fürſts Hauſe aͤngſtlich verſteckt gehalten wurde, vor den Augen des Landvogts und ſeiner Umgebung ſich öffentlich ſehen laͤßt, moͤchte wohl manchem Zuſchauer unwahrſcheinlich ſein. Die Gegenwart dieſer beiden hat der Dichter auf keine Weiſe motiviert; wenn er ſie trotzdem dort auftreten läßt, ſo leitete ihn wohl eben die Abſicht mitten im Telldrama an das Schweizerdrama zu erinnern und den Zuſammenhang derſelben dem Zuſchauer ſichtbar werden zu