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geeignete Perſönlichkeit, um an dem Kampfe thaͤtigen Antheil zu haben. An ſeine Stelle mußte ein kraͤftiger Mann treten. Sollte aber Rudenz als Freiheitsheld in dem Stücke eine Rolle ſpielen und als ſolcher unſere Theilnahme und Liebe gewinnen, wie hätte der Dichter ihn duͤrfen als ehr⸗ und gewinnſüchtigen Vater⸗ landsverräther darſtellen? Er mußte ſeinem Abfalle von dem Lande ein anderes Motiv geben. Als ſolches hat er die Liebe zu Bertha gewäͤhlt. Durch die Liebe wird er dem Vaterlande wiedergewonnen und zum Freiheitshelden. Die Abſicht des Dichters auch den Adel an dem Befreiungskampfe Antheil nehmen zu laſſen würde allein nicht ausreichen, um Rudenz' Einführung in das Drama zu rechtfertigen. Die Aufnahme des Liebesverhältniſſes iſt ihm als beſonderer Mißgriff angerechnet, daſſelbe als dem Geiſte des Stückes nicht angemeſſen bezeichnet worden. Derſelbe Vorwurf iſt ihm in Betreff ſeines Wallenſtein gemacht worden. Wir wollen ihn darum weder loben noch tadeln. Erklaͤren laͤßt ſich dieſe aus freier Erfindung geſchaffene Zuthat auch aus der Empfindungsweiſe des Dichters. Es muß ihm nothwendig erſchienen ſein die düſtere Farbe, in welcher das dramatiſche Gemaͤlde gehalten iſt, durch heitere Partien zu unterbrechen, den Ernſt und das Entſetzliche durch Erfreuendes und Schoͤnes zu mildern. Er durfte auch gewiß ſein, daß die Ver⸗ wendung der braͤutlichen Liebe als Motiv, durch welches Rudenz in den Befreiungskampf hineingetrieben wird, das Intereſſe des Zuſchauers in erhöhtem Maße in Anſpruch nehmen, eine ſchöne Wirkung auf das Gemüth deſſelben hervorbringen würde.“)
Nachdem oben ſchon bemerkt worden iſt, daß der Dichter im Widerſpruch mit ſeinen Quellen Tell vom Bunde der Eidgenoſſen ausſchließt, bleibt noch uüͤbrig einige unweſentlichere Punkte zu berühren, in de⸗ nen er von dieſen abgewichen iſt. Tſchudi und J. v. Mäller berichten naͤmlich übereinſtimmend, daß bei Stauffachers erſtem Erſcheinen in Uri W. Fürſt ihm die am alten Melchthal verübte That mitgetheilt habe. Der Dichter läßt umgekehrt von Stauffacher dieſe Mittheilung und die über Baumgarten machen. Der Grund der Aenderung liegt auf der Hand. Dem Dichter iſt Stauffacher Traͤger der Handlung, in deſſen Munde wird dieſe Mittheilung das Mittel, wodurch er W. Furſt für ſeinen Plan gewinnen will. Ferner nennt Tſchudi als Liebhaber der Dienſtmagd auf der Feſte Roßberg, mit deren Hülfe die Burg erſtiegen wird, einen„Gſellen von Stans“, Schiller macht Melchthal dazu. Die Erklärung liegt nahe. Im Tell⸗ drama ſind die Aenderungen auch unbedeutend. J. v. Müller erzählt von Tell gar nicht umſtaͤndlich. Des Dichters Auffaſſung von Tells Character ſcheint jedoch von ihm beeinflußt worden zu ſein. Muller ſpricht nämlich in Bezug auf Tell von„voreiliger Aeußerung ſeiner Denkungsart“. Der Stoff für das Telldrama kann alſo nur aus Tſchudis Chronik genommen ſein. Tſchudi erzählt, Tell ſei wiederholt bei dem Hute vorbeigegangen, ohne ihm Reverenz zu beweiſen, ſei am folgenden Tage vor den Landvogt gerufen und ſeine Kinder dorthin geholt worden, der Landvogt habe ihn gefragt, welches Kind ihm das liebſte waͤre und auf ſeine Antwort, daß ſie ihm alle gleich lieb waͤren, befohlen, daß der Vater einen Apfel vom Kopfe eines Kindes ſchieße. Die Auffuͤhrung auf der Bühne bedurfte eines ſchnelleren Verlaufs der Begebenheit, einer lebendigeren Bewegung. Um dieſe zu erzeugen, hat der Dichter Einiges geändert.
¹) W. E. Weber urtheilt: Schiller that unrecht, dieſen Character(Rudenz) auf das abgebrauchte Motiv einer ſentiuen⸗ talen Liebe zu baſieren. G. Freytag ſagt auf Seite 192 des oben genannten Werkes: Beſondere Bedeutung haben in dem modernen
Drama die Scenen zwiſchen zwei Perſonen erhalten, in denen die Charactere ſehr entſchieden einer Meinung zu ſein
pflegen, die Liebesſcenen. Sie ſind nicht durch Mode oder vorübergehende Weichlichkeit der Dichter und Hörer entſtan⸗
den, ſondern durch einen uralten Gemüthszug der Germanen. Seit frühſter Zeit iſt in der deutſchen Poeſie die Liebes⸗ werbung, die Annäherung des jungen Helden an die Jungfrau, beſonders reizvoll geweſen. Es war die herrſchende poe⸗ tiſche Empfindung des Volkes, die Beziehungen der Liebenden vor der Vermählung mit Würde und Adel zu umgeben, von welchen die antike Welt nichts wußte. Nach keiner Richtung hat ſich der Gegenſatz der Deutſchen zu den alten Völkern ſchärfer ausgeprägt, durch die geſammte Kunſt des Mittelalters bis zur Gegenwart geht dieſer characteriſtiſche Zug. Auch in dem ernſten Drama macht er ſich mit hoher Berechtigung geltend. Das holdeſte und lieblichſte Verhält⸗
niß der Erde wird mit dem Finſtern und Schrecklichen in Verbindung gebracht, als ergänzender Gegenſatz, zur höchſten Steigerung der Wirkungen.


