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gern die Gelegenheit durch ſeine Beſtrafung ein abſchreckendes Beiſpiel aufzuſtellen. Baumgartens Rettung mochte neben anderen Dingen mitgewirkt haben, um Geßler gegen Tell zu erbittern. Er ſagt ja hoͤhnend zu ihm: Das Steuerruder führſt Du wie den Bogen. Dich ſchreckt kein Sturm, wenn es zu retten gilt. Indeß iſt nicht zu bezweifeln, daß Geßler, wenn Baumgarten nicht durch Tell der Rache des Landvogts entzogen worden waͤre, doch nicht anders gegen Tell gehandelt haben wuͤrde. Demnach kann der Rettung Baumgartens eine weſentliche Bedeutung für das Telldrama nicht beigelegt werden, nothwendig iſt ſie in demſelben nicht. In der Expoſition des Schweizerdramas dagegen iſt der Frevel des Vogtes Wolfenſchießen an Baumgartens Weib, ſeine blutige Beſtrafung, des Mannes Flucht, Todesgefahr und Rettung ein ſehr hervortretender Zug. Deshalb mußte die Begebenheit im erſten Act erwaͤhnt werden. Durch wen Baum⸗ garten gerettet wird, iſt ganz gleichgültig. Dem Fiſcher Ruodi lag zunächſt die Pflicht ob ihn über den See zu fuͤhren. Es waͤre das Natürlichſte geweſen, wenn der Dichter dieſen haͤtte thun laſſen, was ſeines Amtes war. Er muß Gründe gehabt haben, welche ihm davon abriethen. Als einen ſolchen könnte man bezeich⸗ nen, daß die Ueberführung mit eigener Lebensgefahr dem Fiſcher die Bewunderung zuwenden würde, welche der Dichter dem Zuſchauer für Tell abgewinnt, daß das Intereſſe dadurch zu ſehr auf eine Nebenperſon gelenkt worden waͤre. Wie aber, wenn die Ueberführung ohne Lebensgefahr geſchah? Was zwang denn den Dichter den See in wüthender Aufregung zu denken? Die gefahrloſe Ueberführung über den ruhigen See würde den Zuſchauer in gleichgültiger Stimmung gegen den Fiſcher gelaſſen haben.
Wir haben früher ſchon geſehen, daß die erſte Scene die Stimmung giebt, welche das ganze Stück durchzieht, daß der Dichter zur Erzeugung dieſer Stimmung als wirkſames Mittel die raſche Verwandlung der friedlichen Ruhe der Natur in ſtuͤrmiſchen Aufruhr benutzt hat. Darauf häͤtte er verzichten muͤſſen, wenn er Baum⸗ garten gefahrlos ͤber den See entkommen ließ. Ferner wirkt gerade die Situation beſonders ſtark, in welcher Baumgarten von Verzweiflung und Angſt des Todes am meiſten gequaͤlt wird, weil ihn das Wüthen des Sees vom nahen Rettungsufer trennt. Auch dieſe Situation koͤnnte bei ruhigem See nicht ſtattfinden. Auf den Fiſcher, als eine Nebenperſon, wollte der Dichter die Aufmerkſamkeit des Zuſchauers nicht lenken. Um aber Tell als entſchloßnen, thatkräftigen, aufopferungsfähigen Mann in das Stuͤck einzuführen, für ihn dem Zuſchauer Zuneigung, Bewunderung, herzlichſte Theilnahme einzufloͤßen, konnte er kaum eine beſſere Gelegen⸗ heit finden, als wenn er ihn Baumgartens Retter mit eigener Lebensgefahr werden ließ.
Die andere Scene, Tells Geſpräch mit Stauffacher in Altorf ſteht mit der Handlung des Tel⸗
dramas in gar keinem Zuſammenhange. Tells Characterzeichnung, die Darlegung ſeiner Anſicht über das richtige Verhalten gegen den Druck, ſomit die Entwicklung der Gründe, welche ihn beſtimmen dem Bunde der Eidgenoſſen fern zu bleiben, macht den Inhalt der Unterredung aus. Stauffacher ſucht Tell für den von ihm beabſichtigten Bund zu gewinnen. Damit beginnt er den Entſchluß auszuführen, welchen er auf Anregung ſeiner Gattin gefaßt hat. Demnach bildet ſeine Unterredung mit Tell einen Theil des Schweizer⸗ dramas und iſt durchaus paſſend unmittelbar hinter jenes Geſpräch Stauffachers mit ſeiner Frau geſtellt.
Nach Tells erſtem Auftreten mußte der Zuſchauer erwarten, daß er vor Allen an dem Bunde der Schweizer Theil nehmen wuͤrde. Des Dichters Plan war anders. Er hielt deshalb für nöthig Tells Aus⸗ ſchließung vom gemeinſamen Handeln und ſein ſpäteres ſelbſtſtändiges Handeln aus der Eigenthümlichkeit ſeines Weſens verſtändlich zu machen. Waͤre das nicht ſchon im erſten Act geſchehen, ſo häͤtte es in der Ein⸗ leitung des Telldramas im dritten Act geſchehen müſſen, weil ohne ſolche Erklärung Tells Abſonderung dem Zuſchauer unbegreiflich bleiben wuͤrde. In den dritten Act konnte dieſe Partie nicht gelegt werden, weil


