Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell. Versuch einer methodischen Erklärung dieses Dramas in der Sekunda des Gymnasiums
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

zu erhalten, um auch nicht der leiſeſten Verſtimmung des ſittlichen Gefühls in ihm Raum zu laſſen, damit er mit reiner, voller Freude das Feſt der Befreiung mitfeiere, edle Begeiſterung und ſittliche Erhebung daraus ſchöpfe. Die Rechtfertigung des von Tell vollbrachten Mordes erreicht er durch Gegenüberſtellung der Mordthat des Herzogs Johann.

Es iſt oben geſagt worden, daß in das Schweizerdrama der Tod des Kaiſers als ein im Verlauf des Stückes gar nicht vorbereitetes, rein zufaͤlliges Ereigniß eintritt. Indeß war durch mehrere Andeutungen der Zuſchauer wenigſtens auf den Gedanken gebracht worden, daß ein Regentenwechſel fuͤr die Schweizer ein glückliches Ereigniß ſein würde. Die Einführung des Herzogs Johann in das Telldrama, des Herzogs Erſcheinen in Tells Hauſe, ſogar ohne daß er ſelbſt weiß, daß es Tells Haus iſt, leidet ebenſo an dem vöͤlligen Mangel der Motivierung. Dieſer Mangel iſt ſo fühlbar und zugleich die Abſicht, welche der Dich⸗ ter bei der Einfuͤhrung des Herzogs hatte, ſo deutlich, daß G. Freytag wohl mit Recht ſagt, das gar zu deutliche Hervortreten der Abſicht errege Anſtoß. Mit bewundernswerther Kunſt aber hat der Dichter das Geſpraͤch zwiſchen Tell und Herzog Johann eingeleitet. Tell kehrt zu den Seinigen zurück ohne ſeine Arm⸗ bruſt. Sein Knabe fragt nach dieſer.An heiliger Staͤtte iſt ſie aufbewahrt; ſie wird hinfort zu keiner Jagd mehr dienen. Dadurch wird Tells Gattin an ſeine That erinnert. Sie laͤßt ſeine Hand los. Des Weibes weiche Seele erbebt bei dem Gedanken, daß ihr Gatte mit der Schuld des Mordes belaſtet wieder⸗ kommt. Doch Tell fühlt ſich davon frei. Muthig und herzlich erwiedert er: Dieſe Hand hat euch ver⸗ theidigt und das Land gerettet, ich darf ſie frei hinauf zum Himmel heben. An dieſen Worten erkennt ihn der Herzog. Tell weiſt die Gleichſtellung ſeiner That mit der des Herzogs mit Entrüſtung zurück. Er hebt mit Nachdruck hervor, daß er nur gethan habe, was die Pflicht des Gatten, des Vaters von ihm for⸗ derte. Hierdurch wird aber keineswegs widerlegt, was oben nachgewieſen worden iſt, daß er dabei nicht allein an ſeine Gattin und ſeine Kinder dachte. Er hat ja fruͤher ſelbſt zu ſeinem Weibe geſagt, daß er Baumgarten über den See geführt, den Vater ſeinen Kindern gerettet habe, weil er an ſein Weib und ſeine Kinder gedacht habe.

In der bisherigen Betrachtung des Telldramas ſind drei Scenen unbeachtet geblieben, welchen der Dichter im erſten Act ihren Platz angewieſen hat, alſo weit vor der Einleitungsſcene des Telldramas, der erſten des dritten Actes. In zweien erſcheint Tell, zuerſt als Baumgartens Retter, dann mit Stauffacher in Altorf als hervorragende Perſon, bei der dritten, der Aufpflanzung des Hutes in Altorf, tritt er nicht hervor. Jeder fühlt, daß Tell an jenen beiden Stellen die bewundernde Theilnahme des Zuſchauers im hoͤch⸗ ſten Maße auf ſich zieht und daß es in der Abſicht des Dichters gelegen hat dieſe für ihn zu gewinnen. Es gilt nun die Fragen zu beantworten: 1, Ob die drei Scenen zum Telldrama zu rechnen ſind 2, warum ihnen der Dichter ihren Platz im erſten Act gegeben hat 3, aus welchen Gründen er Tell ſchon vor dem eigentlichen Telldrama in das Stück eingefuͤhrt hat. Wir ſuchen zunaͤchſt in Betreff der Rettung Baum⸗ gartens dieſe Fragen zu beantworten.

Zweimal wird im Telldrama derſelben Erwaͤhnung gethan, von Tells Gattin und von Geßler. Jene haͤlt ihrem Gatten ſchmerzbewegt vor, daß er immer der Gefahr nachgehe und an die Angſt der Haus⸗ frau nicht denke. Sie moͤchte ihn gern von Altorf fern halten, weil der Vogt dort iſt. Es iſt beinahe auffallend, daß ſie nicht daran denkt, daß der Vogt gerade um Baumgartens Rettung willen Rache an Tell ſuchen werde. Von Geßler laͤßt ſich nicht behaupten, daß er durch Tells rettende That erſt zur Grauſamkeit gegen ihn gereizt worden ſei. Er wußte in wie hoher Verehrung Tell bei den Landleuten ſtand und ergriff