17
Tell ſitzt zum Morde entſchloſſen lauernd am Wege. Mit Spannung erwartet der Zuſchauer die Ankunft des Landvogts und den Schuß. Trotzdem hat der Dichter hier noch einer Zwiſchenſcene Raum gegeben, der Begegnung Armgarts mit dem Landvogt. In höchſter Verzweiflung wirft das arme Weib ſich und ihre Kinder dem Landvogt in den Weg und fleht um die Entlaſſung ihres Mannes aus dem Gefäng⸗ niß. Das Elend und die Bitten machen auf den Vogt keinen Eindruck. Dieſer Anblick mußte Tell in ſeinem Entſchluſſe zum Morde beſtärken. Hier hatte er auch arme, unſchuldige Kinder vor Augen, die er gegen des Vogtes Grauſamkeit ſchützen mußte. Im Zorn über des Weibes Flehen gelobt Geßler den ſtarren Sinn zu brechen, den kecken Geiſt der Freiheit zu beugen, ein neues Geſetz in den Landen zu verkundigen. Da trifft ihn Tells Geſchoß. Der Dichter ſcheint bei Einfügung dieſer Scene die Abſicht gehabt zu haben in Tell und im Zuſchauer die Ueberzeugung zu befeſtigen, daß Geßlers Ermordung nicht allein zum Schutze fuͤr Tells Angehörige nothwendig ſei, ſondern für die allgemeine Sache. Nach dem Schuſſe ruft Tell dem Getroffenen zu: Frei ſind die Hütten, ſicher iſt die Unſchuld vor dir, du wirſt dem Lande nicht mehr ſchaden. Weil er durch den Schuß auf Geßles ſo aeale gewann, nennt er Stele Schuß ſeinen Meiſter⸗ ſchuß, nicht den nach dem Apfel.
Die Zwiſchenſcene hat aber auch noch einen anderen Zweck. Sie fou verhuͤten, daß durch den Mord das ſittliche Gefuͤhl des Zuſchauers verletzt und die herzliche Theilnahme für Tell beeinträchtigt wird. Wenn der Zuſchauer durch Geßlers Verfahren in die Stimmung verſetzt worden war, daß ihm der Gedanke an deſſen gewaltſamen Tod nicht frevelhaft und entſetzlich ſondern dieſer als ein Act der Gerechtigkeit und Noth⸗ wehr erſchien, ſo konnte doch während der dazwiſchen getretenen Scene auf Schloß Attinghauſen dieſe Em⸗ pfindung wieder abgekühlt worden ſein und bedurfte einer neuen Erregung, ſo daß der Zuſchauer den Mord nicht mit Abſcheu, welcher ſich nothwendiger Weiſe auf den Moͤrder wendet, anſieht, ſondern ihn in Bezug auf Geßler als wohlverdiente Strafe, in Bezug auf Tell als vorwurfsfreie That der Abwehr zum Schutze der Unſchuld billigen muß. Auch für Tell ſelbſt iſt die Zwiſchenſcene von weſentlicher Bedeutung. Haͤtte er den Mord verübt nur deßhalb, weil er in des Herzens Qual ſich das Geloͤbniß gethan hatte, daß ſeines nächſten Schuſſes Ziel des Landvogts Herz ſein ſollte, ſo wuͤrde leicht Etwas von dem Charakter einer Rachethat daran haften geblieben ſein, ſein Gewiſſen würde ihn ſchwerlich von aller Schuld frei geſprochen haben. Das was er unmittelbar vor dem Schuſſe beobachtet, eben Geßlers Begegnung mit Armgart, naicht ühn in ſeiner Ueberzeugung gewiß, daß ſein Vorhaben nicht verbrecheriſch iſt.
Der Schuß auf Geßler iſt eine That zur Befreiung des Landes nach Tells eigener Auffaſſung und ihre nächſten Folgen kennzeichnen ſie deutlich als ſolche. Mit Macht ergreift der Gedanke, daß der Befrei⸗ ungskampf begonnen iſt, die Hinzueilenden. Stüſſi ſagt zu Rudolf dem Harras: Euer Walten hat ein Endez wir ſind freie Menſchen. Alle wiederholen tumultuariſch: Das Land iſt frei. Tell iſt zunächſt der Befreier, als ſolcher wird er am Schluſſe des Stüͤckes, nachdem das Want der Befreiung vollendet iſt, von den Landleuten begrüßt und gefeiert.
Der Dichter iſt darauf bedacht geweſen Tells That ihm felbſt ſowohl als dem Zuſchauer als eine ſittlich reine erſcheinen zu laſſen. Es mochte ihm eine Herzensſache ſein an dem Triumphe, den Freiheit und Recht im Kampfe gegen Unterdrückung und Gewalt erkingen, auch nicht den geringſten Makel zu laſſen. Ihm mochte der Gedanke vorſchweben, den er an einer anderen Stelle ausſpricht: Ein anderes Antlitz, eh’ ſie geſchehen, eine anderes zeigt die vollbrachte That. Darum hielt er fuͤr noͤthig nach der That nochmals ihre Berechtigung zu erweiſen, um im Zuſchauer die waͤrmſte, vollſte Theilnahme fuͤr Tell bis zum Schluß


