Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell. Versuch einer methodischen Erklärung dieses Dramas in der Sekunda des Gymnasiums
Entstehung
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Auch Tell hat des Landvogts harte Hand ſchon gefühlt, um kleiner Urſache willen iſt er ſchwer gebüßt worden. Der Landvogt hat vor ihm gezittert und das vergißt er nie. Tell hat Baumgarten über den See gerettet. Auch das konnte des Landvogts Kundſchaftern ſchwerlich entgangen ſein. Er weiß von dem Rütlibunde, und hat er ihn auch nicht mitbeſchworen, ſo wird er ſich doch dem Lande nicht entziehen, wenn es ruft. Er iſt ein rechter Schütze. Ihm fehlt der Arm, wenn ihm die Waffe fehlt; dann erſt ge⸗ nießt er ſeines Lebens recht, wenn er ſich's jeden Tag auf's Neu' erbeutet. Sein Vertrauen auf Gott und die gelenke Kraft macht ihn küͤhn zu gefaͤhrlichen Wagniſſen, ſein heiterer, muthiger Sinn läßt ihn glauben, daß ſelbſt der Landvogt ſich vor ihm furchte, daß er ihn nicht ſuchen werde. Er iſt gut und hülfreich gegen Alle; ſo rettete er Baumgarten mit großer Lebensgefahr.Dachteſt du denn gar nicht an Weib und Kind? fragt ihn vorwurfsvoll ſeine Gattin.Lieb' Weib, ich dacht' an euch. Drum rettet' ich den Vater ſeinen Kindern. Dieſe Worte ſind characteriſtiſch fuͤr Tell. In ihnen hat der Dichter uns einen vorbereitenden Wink gegeben, die Seelenbewegungen in Tell, d. h. die dramatiſche Entwicklung, vom richtigen Geſichts⸗ punkte aufzufaſſen, Tells Handeln aus dem wahren Motiv zu verſtehen. Eine noch verſtäͤndlichere Andeu⸗ tung iſt Tells Geſpräch mit ſeinem Knaben bei ihrer Ankunft in Altorf. Der Dichter hatte dabei die Ab⸗ ſicht die Aufmerkſamkeit des Zuſchauers auf das Verhältniß zwiſchen Vater und Kind zu lenken, dem ge⸗ weckten, friſchen Knaben die Liebe des Zuſchauers zu gewinnen, damit er nachher deſto tiefer den Schmerz des Vaters mitempfinde.

Gegenüber dem Manne voll Selbſtvertrauen, Muth und Heiterkeit ſteht die ſorgenvolle, geängſtete Hausfrau. Sie fürchtet Alles vom Landvogt und moͤchte ihren Mann fern von ihm halten, ſogar das Mit⸗ nehmen der Armbruſt aͤngſtigt ſie. Mit banger Ahnung quält ſie ſich ohne Urſache. Dabei erfaßt auch den Zuſchauer ein aͤhnliches Gefühl banger Beſorgniß vor dem Landvogt. Wie die Gattin dem Manne mit dem Knaben bei ihrem Fortgehen lange nachſchaut, gewiß in trüber Ahnung, ſo mag auch der Zu⸗ ſchauer in aͤhnlicher Stimmung den Gehenden im Geiſte folgen. Durch dieſe Stimmung iſt er auf die fol⸗ genden Ereigniſſe vorbereitet.

Die naͤchſte Scene in Altorf enthaͤlt den Anfang der dramatiſchen Bewegung. Der erſte Abſchnitt derſelben bis zu Geßlers Erſcheinen iſt wieder nur der ſtimmende Accord für das Uebrige. W. Fuͤrſts Worte: Das iſt der Vogt. Weh uns, was wird das werden! verſetzen den Zuſchauer in angſtvolle Er⸗ wartung. Der Dichter hat auf Geßlers drohende Geſtalt ſo vielfach ſchon hingewieſen, daß ſein Erſchei⸗ nen Furcht und Schrecken wohl verbreiten muß.

Telll kannte den Willen des Landvogts, daß dem Hute Ehre wie ihm ſelbſt erwieſen werden ſollte. Er war ja mit Stauffacher in Altorf, als der Hut aufgepflanzt wurde. Er ſagt zu Stauffacher: Die einzige That iſt jetzt Geduld und Schweigen. Demnach haͤtte man von ihm wohl erwarten ſollen, daß er nicht durch Widerſtreben gegen des Landvogts Gebot deſſen Zorn herausfordern würde, zumal da ſein Knabe im Vorbeigehn ihn auf den Hut aufmerkſam macht. Auf der anderen Seite iſt es wieder ganz nach Tells Character ſorglos die Folgen ſeiner Uebertretung ſich nicht klar zu machen. Er iſt eben nicht ein Mann des Raths, der Ueberlegung, nicht gemacht zu prüfen und zu waͤhlen. Häͤtte er ſein Thun bedacht, ſo würde er nicht direct gegen das Gebot des Landvogts gehandelt haben, er würde ſich gefügt haben oder wenigſtens der gefäͤhrlichen Colliſion ausgewichen ſein. Gewiß mit Aufrichtigkeit ſagt er: Aus Unbedacht, nicht aus Verachtung eurer iſt's geſchehen. Ich bitt' um Gnad,, es ſoll nicht mehr begegnen. Mochte Tell immerhin wie die anderen Leute, welche bei der Aufpflanzung des Hutes zugegen ſind, den Befehl des Landvogts als