Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell. Versuch einer methodischen Erklärung dieses Dramas in der Sekunda des Gymnasiums
Entstehung
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auch für den Augenblick Nichts gegen ihn geſchieht, der Zuſchauer muß mit angſtlicher Sorge die Folgen vorausſehen. Den Eidgenoſſen iſt der Grund von Rudenz' Sinnesaͤnderung noch nicht bekannt, aber das iſt ihnen klar nach dem, was in Altorf vorgefallen,er hat ſein Herz gefunden, er iſt unſer. So ſagt W. Fürſt tröſtend zum Freiherrn in der zweiten Scene des vierten Actes. Bald nach deſſen Ableben kommt Rudenz nach Schloß Attinghauſen. Schmerzbewegt klagt er: Konnt er nicht wenige Pulſe länger leben, um mein geaͤndert Herz zu ſehen? Zerriſſen hab ich auf ewig alle fremden Bande, zurückgegeben bin ich meinem Volk. Des Freiherrn Erbe iſt ihm zugefallen. Des Landes Vaͤtern zahlt er ſich jetzt bei. Auch dies legt ihm die Pflicht auf für's Vaterland zu kaͤmpfen, dies giebt ihm das Recht ſich in den Bund der Landleute zu draͤngen. Aber ihn drückt nicht allein die Noth des Landes, er hat ſeine eigene Sache mit dem Tyrannen auszufechten. Was der Zuſchauer bang ahnte, iſt geſchehen. Bertha iſt vom Landvogt ge⸗ raubt, ihr weiteres Geſchick kennt Rudenz nicht. In dieſes Zweifels ungeheurer Angſt iſt ihm nur dieſes in der Seele klar: Unter den Trümmern der Tyrannenmacht allein kann ſie hervorgegraben werden. Die Noth erheiſchet raſche That. Hier iſt der Höhepunkt der Handlung.

Die dramatiſche Entwicklung iſt alſo in drei Stufen emporgeſtiegen. Die erſte iſt Rudenz Ent⸗ taͤuſchung und Sinnesaͤnderung, die zweite ſein Streit mit Geßler, die dritte Berthas Verſchwinden und des Freiherrn Tod. Die Ausfuͤhrung des Kampfes, ſoweit Rudenz dabei betheiligt iſt, und Berthas Ret⸗ tung aus den bslaunnen des Schloſſes Sammen trſahren wir aus Meichrhäls Wericht am jwe niung des fuͤnf⸗ ten Actes.

Wenn auch dadurch der engſtichen Theilnahme des Zuſchauers genug gethan wird, ſo konnte doch der Dichter die beiden Perſonen, für deren Geſchick er ohne Zweifel das ſtärkſte Mitgefühl empfand und das lebendigſte Intereſſe der Zuſchauer erregt hatte, jetzt noch nicht ganz aus den Augen verſchwinden laſſen. Er hatte die bräutliche Liebe zum Motiv der dramatiſchen Entwicklung in der ganzen Scenenreihe gemacht, dem Zuſchauer Empfaͤnglichkeit und Verſtäͤndniß fuͤr dieſe Motivierung zugemuthet, er mußte nun auch voraus⸗ ſetzen, daß die Empfindung des Zuſchauers erſt dann befriedigt ſein koͤnne, wenn er die Liebenden das Ziel ihrer Wünſche erreichen ſehe. Um dieſe Befriedigung zu gewaͤhren, läßt er die beiden in der letzten Scene noch einmal auftreten und neben der alsemeinen Brad⸗ der aLandlaut⸗ uͤber die 2Berteluns ihre beſondere ſinben in ihrer Verlobung. 1 2 5

Die Liebe hatte in Rudenz das Hochgefühl ftes Vaterland wieder mest, in ihm Theilnahme für die ꝛNolh deſſelben, den Wunſch es befreien zu helfen erzeugt. Der Odem der Freiheit hat ſo mächtig auf ihn gewirkt, daß er im Gefühl ſeines Gluͤckes alle Landleute an dem vollen Genuſſe der Freiheit Theil nehmen laſſen will. Er erklaͤrt ſeine Knechte für frei. Allerdings fehlt in dem Drama die genügende Moti⸗ vierung dieſes Schrittes; wir werden ihn nicht mit Unrecht aus dem eigenen Herzen des Dichters zu ver⸗ ſtehen ſuchen. Ihn draͤngte wohl ſein Inneres der Freiheit einen vollen runuhe zu bereiten und 3 daduch Ahebeid und veredelnd auf das Gemüth des Zuſchauers zu wirken. denl

Die Sterbeſtene auf Schloß Attinghauſen, der zweite Abſchnitt der zweiten Scene des vierten Ac⸗ tes, den erſten bildet Hedwigs Wiederſehen mit ihrem Sohne Walther deren weſentlichen Inhalt die Mittheilung der Eidgenoſſen über die geſchehene Bundſchließung an den Freihertn ausmacht, fodann deſſen hoffnungsreiche Prophezeiung und dringende Ermahnung zur Einigkeit, haben wir bisher unbeachtet ge⸗ laſſen. Und doch kann ſie ohne Zweifel nur zu dieſer Scenenreihe gezogen werden, da der Freiherr die Hauptperſon darin iſt. Wir müſſen hierbei einige Augenblicke verweilen. Wir fanden den Freiherrn bei