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Nicht alſo die Landvoͤgte ſind es allein, gegen deren Druck die Eidgenoſſen ſich erheben, ſondern die Abſichten des Kaiſers werden durch ihren Widerſtand vereitelt. War zu erwarten, daß der Kaiſer ſo leicht ſeine Plaͤne aufgeben würde? Vielleicht, ſagt W. Fürſt, beſiegt er ſtaatsklug ſeinen Zorn, wenn er uns ſieht in unſern Schranken bleiben. Mit dieſem„Vielleicht“ konnten ſich die Eidgenoſſen, kann ſich der Zu⸗ ſchauer nicht beruhigen. Viel richtiger urtheilt Stauffacher: Der gute Schein nur iſt's, worauf ſie(der Kaiſer) warten, um loszulaſſen auf dies arme Land die wilden Horden ihrer Kriegesmacht, darin zu ſchal⸗ ten mit des Siegers Rechten, und unterm Schein gerechter Züchtigung die alten Freiheitsbriefe zu vernichten.
In ſolcher Beſorgniß waͤre der Zuſchauer geblieben, wenn der Dichter ſie nicht durch die Nachricht vom Tode des Kaiſers und durch die Ausſicht auf den Schutz des neuen Kaiſers beſchwichtigt hätte. Sicher⸗ lich verlangte das ſittliche Gefuhl des Dichters, daß das Recht nicht der Gewalt unterliege und er kannte zu gut das menſchliche Herz, um zu wiſſen, daß dieſes Verlangen ein allgemeines ſei. Er wollte lieber die Regeln der dramatiſchen Kunſt vernachläſſigen, als die edlen Empfindungen des menſchlichen Her⸗ zens verletzen, und darum müſſen wir ihn ehren und lieben.
Nachweis der dramatiſchen Entwicklung in der zweiten Scenenreihe.
Wie im Schweizerdrama die erſte Scene den Zweck hat den Zuſchauer in Land und Volk einzu⸗ führen und demnaͤchſt ihn in die Stimmung zu verſetzen, durch welche er faͤhig wird die Eindrücke auf ſein Gemüth zu empfangen, welche durch die Handlung bewirkt werden, ſo dient auch in der zweiten Scenen⸗ reihe, dem Rudenzdrama, die erſte Scene als Einleitung. Waͤhrend dort die Landleute die handelnden Per⸗ ſonen ſind, ſehen wir hier den Adel. Schon im erſten Act hat der Dichter Gelegenheit genommen uns auf die beſonderere Stellung des Adels ſowohl zu den Bedrückern als zu den Landleuten aufmerkſam zu machen. Des Freiherrn von Attinghauſen wird zuerſt vom Hirten in ſeinem Geſpräch mit dem Jäger und Fiſcher beilaͤufig Erwaͤhnung gethan, ſodann in characteriſtiſcher Weiſe von Stauffacher in der Unterredung mit ſeiner Gattin. Er ſagt von ihm: Obgleich von hohem Stamm, liebt er das Volk und ehrt die alten Sitten. Seine Geſinnung in Betreff der Noth des Landes wird erkennbar aus W. Fürſts Aeußerung: Auch unſer edler Herr von Attinghauſen meint ſelber, es ſei nicht mehr zu ertragen. Deshalb ſchlagt W. Fürſt vor zu hören, was die edeln Herrn von Sillinen, von Attinghauſen rathen. Der junge Melchthal zeigt weniger Vertrauen zu dem Edelmann. Stauffacher weiß zwar, daß die Edeln nicht gleiche Noth drängt, doch hofft er, daß ihre Hülfe den Landleuten nicht fehlen werde, wenn ſie das Land in Waffen erſt erblicken. Durch dies Alles war der Zuſchauer ſo auf den alten Freiherrn hingewieſen worden, daß er ſogleich an ſeiner edeln Erſcheinung Intereſſe nehmen mußte.
Auch auf Bertha von Bruneck hat der Dichter ſchon einmal in den vorausliegenden Scenen raſch unſere Aufmerkſamkeit gelenkt, aber ſo nachdruͤcklich, daß wir daraus eine Ahnung üͤber ihre Geſinnung ſchöpfen konnten. Als der Schieferdecker vom Dache geſtuͤrzt iſt, eilt ſie herbei mit dem Rufe: Rennet, rettet, helft. In ihrem ſchmerzlichen Mitgefuͤhl und dem Wunſche zu helfen wirft ſie ihr Geſchmeide unter das Volk. Mit herben, vorwurfsvollen Worten wird ſie vom Meiſter Steinmetz abgewieſen. Die nimmt ſie geduldig hin, ihr Schmerz bricht in die Worte aus: O unglückſeliges Schloß, mit Flüchen erbaut und Flüche werden dich bewohnen..
Die dritte Perſon in der zweiten Scenenreihe, Rudenz, Neffe des Freiherrn, wird uns zuerſt in der erſten Scene des zweiten Actes bei der Begegnung mit dem Oheim bekannt. An ihm zeigt uns der


