Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell. Versuch einer methodischen Erklärung dieses Dramas in der Sekunda des Gymnasiums
Entstehung
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Es würde dem Zuſchauer nicht unwahrſcheinlich ſein, wenn der Herzog den Verſuch machte vom Kaiſer ſein Recht mit Gewalt zu erzwingen, wenn er z. B. mit den Eidgenoſſen zu dieſem Zwecke in Ver⸗ bindung zu treten ſuchte. Auf den Mord aber, als bloße Rachethat, ohne die Ausſicht für den Herzog dadurch zu ſeinem Rechte zu kommen, vielmehr eine Vernichtung ſeines Rechtes involvierend, konnte nach den ſchwachen Andeutungen vom Character des Herzogs der Zuſchauer nicht vorbereitet ſein. Da der Dichter an eine Verbindung des Herzogs mit den Eidgenoſſen nicht gedacht hat, jede Betheiligung der letzteren an den Plaͤnen des Herzogs, zumal an ſeiner blutigen That abgewieſen hat, ſo tritt der Tod des Kaiſers gänz⸗ lich überraſchend und zufällig und doch als bedeutendes Ereigniß in den Verlauf des Dramas ein. Haͤtte er den Herzog als Verbündeten der Eidgenoſſen gegen den Kaiſer, vielleicht gar dieſe als Mitwiſſer oder Foͤrderer ſeiner Mordgedanken dargeſtellt, alſo den Mord als einen Theil des eidgenöſſiſchen Befreiungs⸗ kampfes gedacht, ſo waͤre dadurch zwar der empfindliche Mangel der Motivierung gehoben, aber der ganze Character und Geiſt des Dramas vollkommen veraͤndert worden. Die ſittliche Reinheit, das Erfreuende und Erhebende, von dem das Drama durchweht iſt, waͤre vernichtet worden.

An die Nachricht vom Tode des Kaiſers knüpft ſich der Schluß des Dramas. Die Eidgenoſſen ſind von einer großen Furcht befreit. Schon verlautet, daß das Scepter aus Habsburgs Haus zu einem anderen Stamme gehen wird. Jetzt iſt zu hoffen auf Gerechtigkeit. Der neue Kaiſer wird ſie ſchirmen gegen Oeſtreichs Rache. Nun ſind die Eidgenoſſen und mit ihnen die Zuſchauer beruhigt über die künfti⸗ gen Gefahren, welche uͤber der jungen Freiheit zu ſchweben ſchienen, die angſtliche Spannung iſt heiterer Freude gewichen. Indem die Eidgenoſſen das Verlangen die Mörder in die Hand des Rächers bringen zu helfen ablehnen, machen ſie zum erſten Mal von ihrer neuen Freiheit Gebrauch und geben dadurch dem Zuſchauer die Gewißheit, daß ſie entſchloſſen ſind ſich nicht wieder Pflichten aufladen zu laſſen, von denen ſie durch des Kaiſers Tod entbunden worden ſind.

Wir fanden oben einen Mangel im Bau, weil der Tod des Kaiſers in den vorausgehenden Er⸗ eigniſſen nicht vorbereitet war. Noch ein Zweites faͤllt an derſelben Stelle auf, daß nämlich mit der erſten Kunde von der Ermordung des Kaiſers zugleich die Botſchaft kommt von dem Schrecken im Lande umher, von den Maßregeln, welche aus Furcht vor den Moͤrdern und noch mehr vor den Naͤchern ergriffen wor⸗ den ſind, von der Abſicht den Grafen von Luxemburg auf den Thron zu erheben. ¹)

Um ſo dringender tritt uns die Frage entgegen: Was bewog den Dichter trotz dieſer Unzuträg⸗ lichkeiten den Tod des Kaiſers in den Verlauf des Dramas hineinzuziehen?

Die Antwort darauf iſt in dem kurz vorher Geſagten ſchon zum Theil gegeben. Der Dichter hat immer den Gedanken feſtgehalten, daß die Bedrücker des Volkes nur Werkzeuge des Kaiſers ſind. Die Eidgenoſſen haben davon eine ganz klare Erkenntniß. Pfeifer, Gertrud, Melchthal, W. Fürſt, Roͤſſelmann ſprechen wiederholt beſtimmt aus, daß der Druck nur den Zweck hat, die Plaͤne des Kaiſers zu foͤrdern. Rudenz weiß: Es koſtet nur ein Wort, um augenblicks des Dranges los zu ſein und einen gnaͤdigen Kaiſer zu gewinnen. Geßler geſteht offen ein: Ich bin des Kaiſers Diener und muß darauf denken, wie ich ihm gefalle. Die Rechte des Volkes abzuwäͤgen iſt jetzt keine Zeit. Das Kaiſerhaus will wachſen. Dies kleine Volk iſt uns ein Stein im Weg; ſo oder ſo, es muß ſ ch Lleneſen Wahdlih 4 der Kaiſe ſlüf die Beſtätigung der Freiheitsbriefe verweigert.

¹) Die Abweichung von der hiſtoriſchen Wahrheit, 148 8 der Tod des Kaiſers etwa 5 Monate zu früh angeſetzt wird, gehärt zum guten Rechte des Dichters.