Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell. Versuch einer methodischen Erklärung dieses Dramas in der Sekunda des Gymnasiums
Entstehung
Einzelbild herunterladen

nothwendigen Hintergrund fuͤr das Gemaͤlde zu ſchaffen. Das Erſte hat er erreicht durch die drei Lieder des Fiſcherknaben, des Hirten und des Jägers, denn Seen, Alpentriften und Felsgebirge bedingen ja die Eigenthuͤmlichkeit des Landes und beſtimmen das Leben ſeiner Bewohner. Das Zweite leiſte der erſte Act und ein Theil des zweiten.

Das heitere Bild der ſonnenklaren Landſchaft bei Eröffnung der Scene wird bald durch düſtere Wolken verdraͤngt, auf die ſtille Ruhe der Natur folgt dumpfes Krachen, drohend meldet ſich der Aufruhr der Elemente an in gewaltigen, beaͤngſtigenden Erſcheinungen. Wie wohlthuend iſt es dem freundlichen Geſpraͤch der Landleute zuzuhoͤren, an dem innigen Verſtaͤndniß und der ſinnigen Empfindung ſich zu erfreuen, welche der liebevolle Verkehr mit der Natur und mit ihrem Vieh in ihnen erweckt hat. Da faͤllt ploͤtzlich in die ſuͤße Harmonie der ſchneidende Mißton.

Baumgarten ſtuͤrzt herbei von Todesgefahr verfolgt, ſelbſt mit Blut befleckt. Er erzaͤhlt, was ihm begegnet iſt und was er gethan hat.Ihr thatet wohl, kein Menſch kann euch drum ſchelten;Der Wüätherich! der hat nun ſeinen Lohn, hat's lang verdient um's Volk von Unterwalden. So ſagen der Jaͤger und der Hirt. Tell, welcher weißder See kann ſich, der Landvogt nicht erbarmen, wird Baum⸗ gartens Retter mit Gefahr des eignen Lebens. Alsbald erſcheinen des Landvogts Reiter. Auf bloßen Ver⸗ dacht hin fallen ſie uͤber Hab und Gut der unglüuͤcklichen Menſchen her. Wann wird der Retter kommen dieſem Lande? Mit dieſen Worten ſchließt die Scene. Sie iſt der einleitende Accord fuͤr das ganze Stück, ſie ſchlägt den Grundton an, welcher im Weiteren fortklingt und die durchgehende Stimmung bezeichnet. Das folgende Geſpraͤch zwiſchen Stauffacher und Pfeifer, dann zwiſchen Stauffacher und ſeiner Gattin erhält den Zuſchauer in der Gemüthsſtimmung, welche vorher erzeugt worden iſt. Auch hier lernen wir biedere, redliche Landleute kennen, erfüllt von Liebe fär Vaterland, Recht und Freiheit, in Wohlſtand und Zufrieden⸗ heit lebend, aber in ihrem Glücke geſtört durch Geiz, Uebermuth, Neid und Druck der Vögte, im Grunde jedoch durch des Kaiſers Landergier, welche an jenen dienſtbefliſſene, durch Ehrgeiz und Gewinnſucht ange⸗ feuerte Werkzeuge findet.

In dieſer Bedraͤngniß hat Pfeifer fuͤr ſeinen Freund Stauffacher keinen anderen Rath als gedul⸗ diges Ertragen, keine andere Hoffnung, als daß ein anderer Kaiſer an's Reich gelangen könne. Da naht dem bekümmerten Mann die hochherzige Gattin. Sie hat noch andere Zuverſicht, anderen Rath. Sie wirft ihm den Gedanken in die Seele eine Verbindung mit Unterwalden und dem Urner Lande zu ſtiften, um durch gemeinſames Handeln des Druckes frei zu werden. Damit beginnt die dramatiſche Entwicklung, denn hier beobachten wir zuerſt die Wirkung, welche des Weibes Wort auf die Seele des Mannes übt. Der Dichter hat den Anfangspunkt der dramatiſchen Bewegung mit klaren Worten bezeichnet, indem er Stauffacher ſagen laͤßt: Frau, welchen Sturm gefaͤhrlicher Gedanken weckſt Du mir in der ſtillen Bruſt! Bis dahin ſaß der Mann ruhig, bei dieſen Worten ſteht er auf. Der Dichter hat dem Schauſpieler einen Wink damit gegeben. Der Uebergang aus der Ruhe in die Bewegung, welcher ſich im Innern des Mannes vollzieht, ſoll aͤußerlich Ausdruck ſinden Was bisher im Manne dunkle Empfindung war, wird zum klaren Gedanken. Vor der Ausführung wird er reiflich bedacht. Stauffacher ſtellt ſeiner Gattin die Folgen ihres Rathes vor, den Kampf gegen die Uebermacht des Kaiſers, die Schreckniſſe des Krieges. Auf alle Beſorg⸗ niſſe antwortet ſie ihm hochherzig, ermuthigend. Der kühne Gedanke ſetzt ſich um zum muthigen Entſchluſſe und dieſer geſtaltet ſich alsbald zur That. Baumgartens Aufnahme iſt von Seiten Stauffachers nicht mehr ein Act der Barmherzigkeit allein ſondern auch des Widerſtandes gegen das tyranniſche Regiment der Vögte.