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Die Secunda mag ziemlich allgemein diejenige Klaſſe ſein, in welcher den Schuͤlern zuerſt die Lectüre dramatiſcher Poeſie eröffnet wird. Wenige von ihnen werden vorher ſchon ein Drama geleſen haben. Das Verſtaͤndniß des Einzelnen, auch die Auffaſſung des Verlaufs der Handlung pflegt ihnen keine beſonderen Schwie⸗ rigkeiten zu machen, wenn auch der hohe Stil des ernſten Dramas oft genug erſt in nüchterne Proſa um⸗ geſetzt werden muß, ehe einzelne Gedanken gründlich verſtanden werden. Alles Weitere aber, die Einſicht in den Bau des Dramas, in das Verhältniß der Theile deſſelben zu einander, die Erkenntniß, wodurch eine Reihe von Begebenheiten zu einer dramatiſchen Handlung wird, das Verſtaͤndniß fuͤr die pſychologiſche Ent⸗ wicklung der handelnden Perſonen, ferner die Erfaſſung der Idee, welche der Dichter in der Handlung dargeſtellt hat, ohne welche es unmöoͤglich iſt zum Begriffe von der Einheit der Handlung zu gelangen, alle dieſe Dinge bleiben dem Schüler ohne Anleitung fremd. Es mochte auf der einen Seite unmöglich ſein ſie ihm theoretiſch nahe zu bringen, auf der andern Seite kann die Aufgabe der Klaſſenlectuͤre nicht als genü⸗ gend geloſt angeſehen werden, wenn der Schuͤler dadurch nicht dahin gefuͤhrt worden iſt, daß er in Bezug auf das geleſene Drama ſich von dem Bau, den dramatiſchen Motiven, der Entwicklung der Charactere,
der Idee des Dramas, der Einheit der Handlung Rechenſchaft geben kann.
War ſo das Ziel beſtimmt, nach welchem bei der Behandlung des Wilhelm Tell hingeſtrebt wer⸗ den mußte, ſo galt es demnaͤchſt den ſicherſten und bequemſten Weg zu ſuchen, auf welchem das Ziel zu erreichen iſt. Es war natürlich die Werke der Litterarhiſtoriker und der Biographen des Dichters, Anleitungen und Huͤlfsbuͤcher füͤr den deutſchen Unterricht, Erlaͤuterungen von Muſterſtüͤcken aus der deutſchen Litteratur, Specialſchriften über Wilhelm Tell, die Cotta'ſche Schulausgabe deſſelben, die Arbeiten von Jo⸗ achim Meyer und W. E. Weber uͤber dieſen Gegenſtand nebſt dem in dieſen beiden abgedruckten Abſchnitt aus Tſchudis Chronik kennen zu lernen, zu pruͤfen und das Beſte zu behalten. Hierzu kamen die Geſchichten Schweizeriſcher Eidgenoſſenſchaft von J. v. Müller, als bequemes und brauchbares Hülfsmittel für die Orientierung in der geſchichtlichen Ueberlieferung die Schrift von Huber) und über die Tellſage die erſt ſpaͤter erſchienene von Viſcher ²). Alle dieſe Schriften lieferten zwar Manches fuͤr das Verſtändniß des Dra⸗ mas im Ganzen und Einzelnen, aber fuͤr den oben bezeichneten ſchwierigſten Theil der Aufgabe boten ſie beinahe gar keine Anweiſung.
In der Cotta'ſchen Schulausgabe iſt dieſe Seite der Erklaͤrung nicht berücfſchigt, auch J. Meyer hat ſie in ſeinen ſachlichen Erläuterungen unbeachtet gelaſſen, W. E. Weber ſtellt ſich in ſeiner äſthetiſchen Beleuchtung auf den Standpunkt des Kritikers. Die Bedenken, welche dem Lehrer wehren müſſen ihm hierin zu folgen, moͤgen hier unerörtert bleiben. Eine fruchtbare Anregung für die Behandlung des Dramas bot G. Freytag) deſſen Schrift mir damals zuerſt zu Haͤnden kam. Sein Gedanke, daß in Schillers Tell drei Handlungen neben einander laufen, fand bei ſorgfältiger Prüfung vollſtändige Beſtaͤtigung. Die Zuſam⸗ menſtellung der drei Reihen zuſammengehoͤriger Scenen brachte in die ſcheinbar ordnungsloſe Aufeinander⸗ folge derſelben eine leichte und klare Ueberſichtlichkeit. Freilich blieben bei der Aufſtellung der drei Scenen⸗ reihen einige Scenen übrig— dieſelben, welche für die Kritiker Steine des Anſtoßes geweſen ſind,— bei
11) Die Waldſtätte Uri, Schwyz, Unterwalden bis zur feſten Begründung ihrer Eidgenoſſenſchaft. Mit einem Anhange über
die geſchichtliche Bedeutung des Wilhelm Tell von Dr. Alfons Huber. Innsbruck 1861.
²) Die Sage von der Befreiung der Waldſtätte in ihrer allmählichen Ausbildung. Nebſt einer Beilage: das äͤlteſte Tellen⸗ ſchauſpiel. Leipzig 1867. 1
³) Die Technik des Dramas von Guſtay Freytag. Leipzig 1863.


