In Winterhalbjahr von Michaelis 1866 bis Oſtern 1867 hatte ich die Aufgabe mit den Unterſecunda⸗ nern des hieſigen Paͤdagogiums Schillers Wilhelm Tell zu leſen. Die Frage nach der paſſendſten Behand⸗ lungsweiſe konnte nur beantwortet werden, wenn vorher der Zweck der Lectüre klar und richtig erfaßt, die Aufgabe des Lehrers genügend beſtimmt war.
Da die Schule nur einen ſehr kleinen Theil der Schaͤtze unſerer Nationallitteratur den Schülern durch Lectüre und Erklärung in der Klaſſe bekannt machen kann, der größte Theil aber ihren privaten Stu⸗ dien uͤberlaſſen werden muß, ſo ſchien es hier vor Allem zur Aufgabe zu gehoͤren, den Schülern eine An⸗ leitung zu geben, wie ſie ihre deutſche Privatlectüre zu treiben haben. Vielen unter ihnen liegt der Vor⸗ witz nahe, daß ein deutſch geſchriebenes Buch einer Erklaͤrung nicht beduͤrfe, daß es auch verſtanden ſei, ſo⸗ bald ſie es durchgeleſen haben. Nicht ſelten moͤgen ſie zu dieſem Wahne verführt werden durch eine Erklä⸗ rung der Alten, welche an dem Formellen haftend nicht auf Erfaſſung der Gedanken in ihrem Zuſammen⸗ hange dringt. Einer ſolchen Erklärung, der grammatiſch⸗ſprachlichen, bedürfen ſie freilich nicht, und in dem Gefühl darüber erhaben zu ſein geht leider der Drang zu eindringendem Verſtaͤndniß des Inhalts vielfach verloren. Jener Vorwitz iſt ohne Zweifel in mannigfacher Weiſe unheilvoll. Er vernichtet nicht allein die Pietät gegen die großen Heroen unſerer Litteratur, zerſtoͤrt nicht allein die Achtung vor Werken, welche mit Recht dem Deutſchen ein Gegenſtand nationalen Stolzes ſind, und verdraͤngt dadurch die Sehnſucht nach liebevoller Aneignung der koſtbaren Schaͤtze, die zum Allgemeinbeſitze der Nation gehoͤren, er leiſtet nicht al⸗ lein der Fluchtigkeit des Leſens und der Oberflaͤchlichkeit des Denkens Vorſchub, ſondern die ſchlimme Ge⸗ woöͤhnung auf dem einen Gebiete der Thaͤtigkeit übt einen tiefgreifenden Einfluß auf das ganze Weſen des Menſchen, ſie fuͤhrt zur Selbſtüberſchaͤtzung und laͤßt die geiſtige Kraft erſchlaffen. Dieſe Gefahren zu bekaͤm⸗ pfen gehöͤrt auch zu der Aufgabe, welche die deutſche Lectuͤre in der Klaſſe zu loͤſen hat. Es muß den Schuͤlern fuͤhlbar gemacht werden, daß auch in unſern lieben deutſchen Schriftſtellern ſich Nüſſe finden, an denen ſich einer die Zähne ausbeißen kann. Die gehoͤrige Durcharbeitung der einzelnen Scenen eines Dra⸗ mas, die Beſprechung ihres Inhalts und der in ihnen herrſchenden Stimmung, die Vermittlung einer lebendi⸗ gen Vorſtellung von den darin auftretenden Perſonen, die Einübung eines Vortrags, aus dem Verſtändniß und Empfindung herausklingen, ſollen auf die Betrachtung des ganzen Stückes vorbereiten. Bei dieſer müſ⸗ ſen den Schülern Fragen vorgelegt werden, durch welche ſie auf ihnen neue Geſichtspunkte geſtellt werden, deren Beantwortung ihnen bei gehöriger Leitung möglich iſt, aber auch angeſtrengtes, conſequentes Nachden⸗ ken erfordert. Es muß ihnen ſo der Weg gezeigt und nicht nur gezeigt ſondern mit ihnen gewandelt wer⸗ den, auf welchem ſie zu tieferem Verſtändniß des Geleſenen vordringen knnen, ſo daß ſie in den Stand geſetzt werden ihn künftig ſelbſtſtändig zu wandeln.


