Aufsatz 
Antike und moderne Erziehung : 2. Die Behandlung der verlassenen Kinder im klassischen Altertum
Entstehung
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ausmündeten, geworfen, oder in Wüſten und Wäldern, oder an dem Tiber, auf den Straßen, beſonders auf den Gemüſemarkt, an der Milchſäule in der XI Region der Stadt, mit grau⸗ ſamer Ironie ganz in der Nähe des Tempels der Pietas, ausgeſetzt wurden. ²*) Wer von dieſen verlaſſenen Weſen nicht durch Näſſe, Kälte oder Hunger umkam, wen Hunde oder Schweine nicht zerfleiſchten, weſſen Leben erhalten wurde, deſſen Exiſtenz war eine ſo elende, daß ihm der Tod faſt als ein größeres Glück erſcheinen konnte; denn wol nur in den ſeltenſten Fällen fand ein ſo preisgegebenes Kind einen mitleidigen Pflegevater; ³⁰) öfter waren die ſo aufgefundenen Verlaſſenen ein Capital für Speculanten: ſie wurden die Sklaven deſſen, der ſie aufnahm, und entweder verkauft oder zu den ſchwerſten und härteſten Arbeiten verwendet, die Jünglinge zu Gladiatoren eingeſchult, die Mädchen den ſchändlichſten Gewerben überliefert. Viele wurden, namentlich in ſpäterer Zeit, von Bettelherrn aufgegriffen, grauſam verſtümmelt und abgerichtet zum Vortheile derſelben die Wohlthätigkeit in Anſpruch zu nehmen. 3¹1) Seneca ³²) hat insbeſondere dieſe Unglückslage mit folgenden Worten geſchildert:Dieſem Sklavenherrn zum Nutzen ſchwanken die Blinden auf den Stab geſtützt einher, ihm zum Vortheile zeigen die andern die verſtümmelten Arme, die verrenkten Knöchel, die zerſchlagenen Schienbeine. Jener Beinzermalmer haut dem Einen den Arm ab, ſchwächt den Anderen, verdreht dieſem, grauſam und höhniſch zugleich, die Schulter, damit er höckerig werde. Zählt nun der Herr die tägliche Bettlersbeute und genügt ſie nicht, ſo fährt er den Unglücklichen an, ſchilt ihn aus: zu wenig haſt du gebracht, her mit der Geißel, ja jetzt kannſt du weinen, kannſt flehen, hätteſt du ſo mit den Vorübergehenden geſprochen, ſo hätteſt du mehr Gaben erhalten, könnteſt mir mehr abliefern. Daß im Hinblicke auf eine ſolche Zukunft die Armen, wie Plutarch bezeugt,³³) es vorzogen ihre Kinder lieber zu tödten, iſt um ſo mehr begreiflich, wenn man erwägt, unter welchen unnennbaren Umſtänden oft in ſpäteren Jahren ſchreckliche Wiederbegegnungen ſolcher verlorenen Kinder mit ihren Eltern möglich waren, wie die Alten ſelbſt mehrfach angedeutet haben. ³4)

Die allgemeine Zerrüttung der ehelichen Verhältniſſe mit allen ihren eben geſchilderten monſtröſen Nachtheilen, im Bunde und unter dem Einfluſſe eines vorher in dieſem Umfange unbekannten Pauperismus, welchem eine Anhäufung coloſſaler Reichthümer andererſeits grell

29) Vgl. Schück a. a. O. S. 2 f.

³⁰) Wie z. B. der berühmte Grammatiker M. Antonius Gnipho nach Sueton de gramm. 7. 31) Vgl. Becker⸗Marquardt a. a. O. S. 82.

³²) Controv. X, 33.

33) Vgl. de amore prolis VII p. 936 R. u. Becker⸗Marquardt a. a. O. S. 72 u. A. 388. 34) Vgl. Becker⸗Marquardt a. a. O. S. 82 f. A. 433.