Aufsatz 
Antike und moderne Erziehung : 2. Die Behandlung der verlassenen Kinder im klassischen Altertum
Entstehung
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Noth und dem Bedürfniſſe der Einzelnen, ²¹) alſo auch der verwaiſten und verlaſſenen Kinder, durch die Einzelnen weit leichter abhelfen und entgegenarbeiten laſſen 2²²). Als ſelbſt ſpäter der Kampf zwiſchen Patriciern und Plebejern beendet, und Roms Herrſchaft nach Außen erweitert worden war, ließen die zahlreichen Ackervertheilungen, Gründungen von Colonien, Ausſpendungen der Magiſtrate und Mächtigen immer noch mehr oder weniger eine förmliche Armenclaſſe, ſomit auch ein Armenweſen, und insbeſondere eine Unterſtützung zu Unterhalt und Erziehung ver⸗ laſſener Kinder nicht aufkommen ²³). Nachdem aber die Eroberung von Carthago und Corinth, wie auch die Unterwerfung des Oſtens die von nun an unbeſtrittene Weltherrſchaft Roms be⸗ gründet hatten, ſo ſtrömte eine ungeheure Menſchenmenge, insbeſondere auch die bis dahin zumeiſt auswärts beſchäftigten Heere, aus allen Theilen der Welt in Italien und vornehmlich in der Hauptſtadt zuſammen, und mit den neuen bisher noch faſt fremd gebliebenen Mitteln und Ein⸗ flüſſen feinerer Geiſtesbildung drang auch zugleich die ganze Sittenverderbniß des entnervten Orients und des entarteten Hellenismus ein, während ſich der Luxus ins Ungeheuere ſteigerte, und die Kluft zwiſchen Reichthum und Armuth immer mehr erweiterte. So trat Rom aus der Republik in das Kaiſerreich unter gänzlich veränderten Zuſtänden in politiſcher, wie in ſocialer und allgemein culturlicher Beziehung über. Wenn nun Cramer ²⁴) mit Rückſicht hie⸗ rauf die Anſicht ausſpricht, daß der Sinn für die leidende Menſchheit immer erſt bei dem Zuſtande erhöhter Bildung, demnach alſo zumeiſt erſt in der ſpäteren Geſchichte der Völker er⸗ wache; wenn demgemäß auch die Fürſorge für Arme, insbeſondere auch für dürftige, verlaſſene oder verwahrloſte Kinder in der römiſchen Geſchichte erſt dann hervortrete, als das Alterthum ſei⸗ nen Kreislauf faſt vollendet hatte, und das Volk in ſich ſelbſt gereift war: ſo iſt dieſer Aufſtellung einerſeits zwar eine Berechtigung nicht abzuſprechen, andererſeits aber ſicherlich im vorliegenden Falle, wenn nicht Alles trügt, eine ganz beſondere Einwirkung von einer bis jetzt unbeachtet gebliebenen Seite her und dieſes iſt das zweite der oben angedeuteten beiden Momente anzunehmen, um die ſeitdem in der römiſchen Kaiſergeſchichte mehr und mehr hervor⸗

²1) Bgl. Cramer S. 493 f. Hierher gehört auch die erſte Spur von einer Art Armenpflege bei den Römern, indem die ärmeren Plebejer unter der Aufſicht der Aedilen Brodſpenden aus dem Tempel der Ceres erhielten(vgl. Niebuhr Röm. Geſch. I, 690), Cramer a. a. O. A. 1208.

²²) Dieſen thatſächlichen Verhältniſſen gegenüber können die von Dionyſius v. Halic. III. p. 160,10(vgl. Cramer S. 496) berichtete öffentliche Verpflegung aller Drillinge in Rom zum Andenken an den Kampf der Horatier und Curiatier, ſowie die von Sueton de gramm. c. 13 mitgetheilte Notiz, daß der Grammatiker Staberius Eros die Kinder der unter Sulla Geächteten ohne jegliche Vergütung in ſeine Schule auſgenommen habe, nur als außer⸗ ordentliche und vereinzelte Erſcheinungen betrachtet werden.

) Vgl. Cramer S. 494.

²4) Vgl. a a. O.