Aufsatz 
Antike und moderne Erziehung : 2. Die Behandlung der verlassenen Kinder im klassischen Altertum
Entstehung
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theile von den bedauernswerthen Opfern nicht ferne gehalten, indem ſolche Kinder, wenn ſie

erwachſen waren, bei ihren Pflegern zum Erſatz der aufgewendeten Mühe und Koſten Sclaven⸗ dienſte leiſten mußten. ¹*)

II.

Wie bereits oben angedeutet wurde, ſind die Nachrichten, welche über die Behandlung verlaſſener Kinder bei den Römern vorliegen, zwar reichhaltiger und umfänglicher als jene aus dem griechiſchen Alterthume, beziehen ſich aber zumeiſt nur auf die Kaiſerzeit, demnach alſo auf den Höhepunkt der Entwicklung römiſchen Lebens, jedoch immerhin auf diejenige Periode der römiſchen Geſchichte, welche als Niedergang des Reiches und als nächſte Vor⸗ läuferin einer auf neuen Grundlagen und durch neue Mächte aufzuerbauenden Zeit und Cultur zu betrachten iſt.

Außer den ſchon oben theilweiſe näher bezeichneten politiſchen und ſocialen Zuſtänden, welche das klaſſiſche Alterthum als ſolches überhaupt im Gegenſatze zur modernen Welt charakte iſieren, dürften es gerade bei dem Römerthume noch zwei beſondere Momente von nicht zu unter⸗ ſchätzender Bedeutung ſein, welche vorerwähnte Thatſache weniger auffällig erſcheinen laſſen. Zunächſt ſind nämlich für die ältere Periode Roms die einleitenden Worten des Livius zu ſeinem großen Geſchichtswerke wohl zu beachten, wonach kein Staat jemals größer und ehr⸗ würdiger, wie auch an guten Beiſpielen reicher war als der romiſche, weiter ſodann, daß in keinen Habſucht und Luxus ſo ſpät eindrangen, und daß nirgends mehr der Armuth und Sparſamkeit ſo große und ſo dauernde Achtung gezollt wurde. Die frugale Einfachheit und Bedürfnißloſigkeit des römiſchen Lebens, die ſtrenge Bewahrung der altväteriſchen Sitte und Uebung, das ehrwürdige Verhältniß zwiſchen Patronen und Clienten, welches, demjenigen zwiſchen Vater und Kindern vergleichbar, lange Zeit hindurch in voller Kraft und Reinheit be⸗ ſtand, das ſtarke Band, welches alle Glieder einer Familie zu dem engſten Zuſammenleben umſchlang ²⁰): alle dieſe gewichtigen Momente des politiſchen und ſocialen Lebens mußten der

¹0) Aelian var. hist. I, 2, 7; C. Fr. Hermann a. a. O. S. 47 f.; Cramer S. 309; Schück S. 1.

²⁰) Charakteriſtiſch ſind in dieſem Bezuge die Nachrichten bei Valerius Max. IV, 4, 8, wonach ſechszehn Mitglieder der Aeliſchen Familie ein Grundſtück(fundus) beſaßen und in einem Häuschen(domuncula) wohnten. Nach Plutarch M. Crass. I. wurde der bekannte M. Craſſus in einem kleinen Hauſe mit zwei Brüdern auferzogen, welche verheirathet waren, auch die Eltern lebten noch, und alle gingen zuſammen an denſelben Tiſch. In dem kleinen Hauſe des alten Cato wohnte auch ſein verheiratheter Sohn nach Plutarch Cat. M. 24; vgl. Becker⸗Marquardt a. a. O. V, I S. 56 A. 286.