Aufsatz 
Antike und moderne Erziehung : 2. Die Behandlung der verlassenen Kinder im klassischen Altertum
Entstehung
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der Jaſier, welche ihren Urſprung von Argos ableiteten, datierte jedoch nicht aus der früheren doriſchen Zeit, ſondern gehörte einer ſpäteren Periode der Stadt an, wo letztere von Milet aus ganz ioniſiert worden war. ¹²) Eine zweite Stadt, in welcher, ſicherlich unter dem Einfluſſe derſelben milden Denkweiſe der Jonier, gleichfalls ähnliche Beſtimmungen wie in Jaſos über die Fürſorge für die Waiſen gegeben worden ſind, lag gleichfalls in Karien und war Stratonikeia. Auf einer großen Inſchrift wenigſtens aus der Zeit nach Chriſti Geburt wird die Stadtbehörde einesKnabenpflegers(1⁶⁶υοσο) erwähnt, unter welchemKna⸗ benwächter(ʒ ⁸⁷ αανεα) als dienendes Perſonal ſtehen. Die Funktionen, welche dieſen Schulpflegern oblagen, weiſen darauf hin, daß dortſelbſt der Jugenderziehung eine umfaſſende Fürſorge zugewendet war, die ſich ohne Zweifel auch auf die Waiſen erſtreckte, wenn nicht die Angaben der Inſchrift ſelbſt ſich überhaupt nur auf letztere beziehen. Die ganze aus der In⸗ ſchrift erſichtliche Einrichtung, ſowie die große Anzahl der dabei erwähnten Zöglinge und Vor⸗ ſtände läßt den Charakter einer höheren Lehranſtalt für Kinder oder Waiſen edler Fa⸗ milien nicht verkennen. Der vorerwähnten ähnlich finden ſich unter den Inſchriften der klein⸗ aſiatiſch⸗griechiſchen Städte noch mehrere, welche ſich auf eben ſolche pädagogiſche Inſtitute beziehen. ¹³)

Eine zweite Claſſe verlaſſener Kinder begriff, wie bemerkt, diejenigen, welche dem Tode durch Ausſetzung auf irgend eine Weiſe entgangen waren. Die grauſame Unſitte der Ausſetzung ſcheint ſchon im hohen Alterthume bei nicht wenigen Völkern geübt worden zu ſein. Bekannt iſt, um nur einige Beiſpiele anzuführen, aus Medien des großen Cyrus, aus Aegypten des Moſes, aus den Anfängen Roms(auf welches in dieſer Beziehung unten zurückzukommen iſt) des Romulus und Remus Ausſetzung, wie denn auch andere Völker des Alterthums ſich mit dieſem Verbrechen befleckt haben. 14¹) Aus dem Mythenalter Griechenlands iſt die Ausſetzung des

²) Vgl. Cramer S. 250; Krauſe S. 191 f. ¹1⁵) Vgl. Krauſe S. 192 f. A. 2.

. ¹4) Die Kelten legten die neugeborenen Kinder auf einem Schilde ins Waſſer, die forttreibenden überließen ſie ihrem Schickſale. Offenbar hängt mit dieſer Sitte eine merkwürdige Uebung zuſammen, von welcher Kaiſer Julian in einem Briefe an den Philoſophen Maximus(epist. XVI p. 383 ed. Spon) berichtet. Hiernach benutzten die Kelten den(bekanntlich als Gott verehrten) Rhein zu einer Art von Gottesgericht bei Entſcheidung über legitime und illegitime Kinder: letztere ſollte er verſchlingen, erſtere oben auf ſchwimmen laſſen. Die Sar⸗ maten und Slaven tödteten oder ſetzten ſchwache und mißgeſtaltete Kinder aus. Die alten Skandinavier, beſonders die Normannen, pflegten namentlich Töchter durch Sklaven(freie Männer gaben ſich dazu nicht her) ins Waſſer werfen oder in Gruben ausſetzen zu laſſen. Die von einem verſtorbenen Leibeigenen etwa hinterlaſſenen kleinen Kinder wurden ohne Speiſe und Trank in einer Grube ausgeſetzt und dasjenige Kind, welches die anderen überlebte, nahm der Herr als lebenskräftig zu ſich Grabeskind und es verblieb ihm als leibeigen. Die (1871) 2