43 rufen, bald jedoch als ſtaatsgefährlich zeitweiſe verfehmt und ver⸗ boten, dann durch den erneuten Aufſchwung des politiſchen Lebens wieder zu Ehren gebracht, vielfach aber noch immer mit Mißtrauen betrachtet”*), kann weſentlich nur als eine neuerfundene deutſche Kunſt angeſehen werden, welche ſchon in ihren erſten Anfängen mit Bewußtſein der Helleniſchen Gymnaſtik als einer ältern Schwe⸗ ſter nachzueifern ſich bemühte, weil ſie eben nur ein Erzeugniß des durch das alte Vorbild theilweiſe angeregten Nachdenkens Einzelner war*¹), und allmählich erſt ein volksthümliches Inſtitut wurde wie die Gymnaſtik bei den Hellenen. Aber nicht blos zur Nacheiferung hat die moderne Turnkunſt das antike Muſterbild ſtets vor Augen zu behalten, ſondern auch zur eigenen Geltendmachung und zur Erringung einer ihr ſelbſt gebührenden Stellung auf die⸗ ſelbe hinzuweiſen. Hierbei bietet vor Allem der Vorgang und das Beiſpiel der Hellenen darin ein nachahmungswürdiges Muſter, daß bei ihnen die Gymnaſtik unbeſtritten den Rang eines höchſt wich⸗ tigen und für alle freigebornen Knaben und Jünglinge unerläß⸗ lichen Bildungsmittels einnahm*²). Iſt auch jetzt mehr als früher eine entſprechende Ueberzeugung durchgedrungen und die Leibesübung als unausweichlicher Faktor der Jugenderziehung anerkannt, ſo iſt doch eine allgemeine Zuſtimmung dazu weder feſtgeſtellt, noch eine allſeitig genügende, thatſächliche Durchführung der Sache überall erreicht und dem Turnen damit die gebührende Stellung in der Geſammterziehung eingeräumt. Die Hinweiſung auf die großen Erfolge der Helleniſchen Gymnaſtik werden aber mehr und mehr die Ueberzeugung hervorrufen, daß nicht nur der Körper an ſich und um ſeiner ſelbſt willen, als ein weſentlicher und unentbehr⸗ licher Theil des ganzen Menſchen, einen gerechten Anſpruch auf eine möglichſt allſeitige Ausbildung machen kann und mit großem Erfolge zu krönen im Stande iſt, ſondern daß dieſe Ausbildung auch der gedeihlichen Entwicklung des menſchlichen Geiſtes zur
²⁰) Vgl. Münſcher a. a. O. S. 4 ff. Jacobs a. a. O. 7¹) Vgl. Münſcher a. a. O. S. 4. 6. ²) Vgl. Münſcher a. a. O. S. 6.


