15
Mit der unbeſtrittenen Herrſchaft dieſes Naturglaubens und der gänzlichen Abweſenheit aller und jeder näheren Beziehung zu einer über das Diesſeits hinausgehenden Lebensbeſtimmung kenn⸗
ſo begegnet außer dem unſerem Gefühle im Angeſicht von Staub und Moder widerwärtig klingenden Lobe körperlicher Reize und geiſtiger Vorzüge, meiſt nur die Klage über den verderblichen Neid der Götter und die Unerbittlich⸗ keit des Verhängniſſes, welches den oft in ſchönſter Jugendblüthe Hinge⸗ rafften ſeinem Urſprunge(origo), der Erde, wieder zurückgebe: ſelten nur reiht ſich daran die Andeutung, daß der Verſtorbene jetzt jenſeits der Sty⸗ giſchen Gewäſſer' zurückgehalten werde, und immer geſchieht dieſes in Aus⸗ drücken, aus welchen zu entnehmen iſt, daß man ſich dieſen Zuſtand in dem weſenloſen Schattenreiche als einen wenig beneidenswerthen, geſchweige denn als einen ſeligen’, vollkommneren gedacht haben muß. Eine beſonders charakteriſtiſche Grabſchrift dieſer Art iſt erſt noch vor wenigen Jahren im Gebiete der alten Pannoniſchen Stadt Sirmium, bei dem heutigen Mitrowitz im öſterreichiſchen Militärgrenzlande, zu Tage gefördert worden:
D M
TERRATE
NETCORPVSNO
MENLAPISATOVE
ANIMAMAEROV
AMMERVSSER die ſechſte Zeile dieſes leider bruchſtücklichen Gedenkſteins muß wohl quam merus servet' ergänzt und die erhaltenen Textworte alſo überſetzt werden: Den Schattengöttern! die Erde hat den Leib; den Namen dieſer Grabſtein und den Lebenshauch die Luft: möge ihn der reine Aether bewahren!’ Nach dieſer ächt heidniſchen Auſchauung kehrt demnach der Leib zu ſeinem Ur⸗ ſprunge(wie oben bemerkt) zurück; der das leibliche Leben bedingende Athem, das alleinige Lebensprincip, entweicht in den Luftraum und nur der leere Namen geht auf die Nachwelt über: letzteres ganz in Uebereinſtimmung mit der ſo vielfach bei den Alten, insbeſondere bei den Römern, ausgeſprochenen Anſchauung, daß man ſich bemühen müſſe duſch Thaten das Andenken an ſich ſo lange als möglich zu erhalten: daher das Gebot, ſein Leben nicht in Stille und dunkeler Verborgenheit zu verbringen, daher das gewiſſermaßen pflichtmäßige Erſtreben von Lob und Nachruhm, als der einzigen Art und Form des Fortlebens und der Unſterblichkeit.— Vgl. über obige Inſchrift J. von Arneth in den Sitzungsberichten der Kaiſerl. Akademie der Wiſſenſchaften in Wien phil.-hiſtor. Claſſe XI.. Bd. S. 355(Separatabdruck S. 49) und Fr. Kenner’'s Beiträge zu einer Chronik der archäologiſchen Funde in Oeſterreich(1862— 1863) VIII. Fortſetzung im Archiv für Kunde öſterreichiſcher Geſchichtsquellen XXXIII. Bd. S. 331 n. 3.


