Aufsatz 
Pädagogische Bedeutung der Altertumsstudien in der Gegenwart
Entstehung
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wicklung des Alten diente und daß damit ſtets ein richtiges Ebenmaß der beharrlichen und der ſich fortbewegenden Kräfte gegeben war. Daß dieſes in gleicher Weiſe auch von den Griechen gelte, deutet ein anderer großer Kenner) des Alter⸗ thums an, wenn er, von dem Einfluſſe des Studiums der Alten redend, hervorhebt, daß ſich dem Jünglinge größere Verhältniſſe darſtellten in der größeren alten Welt; das Priratleben ſei dort einfacher und würdiger, und die öffentlichen Begebenheiten und Anſtalten zeigten höhere Geſinnungen herrſchend. Und wenn auch, was in der Vorzeit öffentlich unternommen wurde, der Wirkung und dem äußern Umfange nach, oft nicht größer geweſen ſei, ſo weiſe es doch auf größere Charaktere zurück. Insbeſondere ſei es in den wichtigſten Inſtituten der griechiſchen Staaten nicht zu verkennen, daß das allgemeine Streben mehr auf das Blei⸗ bende gerichtet war.

Wie aber das antike öffentliche Leben überhaupt, ſeine Grund⸗ principien und leitenden Ideen, ſo bieten auch ſeine einzelnen Er⸗ ſcheinungen und Aeußerungen und vor Allen insbeſondere, wie auch Creuzer andeutet, ſeine großen Charaktere die reichſte pädagogiſche Belehrung für die Gegenwart dar. Wohin könnte in unſern Tagen der Blick Aller, insbeſondere der ſtudierenden Jugend, beſſer gerichtet werden, als auf die großartigen Perſönlich⸗ keiten des Alterthums, um ſich bei dem troſtloſen Mangel unſerer Zeit an Allem, was Charakter heißt, an der antiken Heldengröße aufzurichten und zu erlaben? Bei der Zerriſſenheit und Erbärm⸗ lichkei unſerer allſeits ſchiffbrüchigen Zuſtände, bei der Selbſt⸗ und Genußſucht, wie bei der Geſinnungsloſigkeit und Feigheit der Ein⸗ zelnen, bei der gedanken⸗ und charakterloſen Schwächlichkeit, welche weder irgend ausgeprägte Charaktere und Ideen vertragen, noch Hingebung und Opferwilligkeit für letztere anders als mit dem niedrigen Maßſtabe des eignen Treibens zu bemeſſen ver⸗

) Fr. Creuzer: Ueber das Verhältniß der Philologie zu unſerer Zeit (abgedruckt in der Schrift: Aus dem Leben eines alten Profeſſors' Darm⸗ ſtadt 1848) S. 329 f.