Aufsatz 
Pädagogische Bedeutung der Altertumsstudien in der Gegenwart
Entstehung
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man erweiſen müſſen, wie ein blos theoretiſch verſuchter Aufbau des angeblichen Rechtsſtaates gar nichts helfe, wenn nicht die unerläßlichen Vorbedingungen dazu in das Bewußtſein und Gewiſſen der Einzelnen und der Geſammtheit zurückgekehrt ſein werden; hier wird iusbeſondere der ſo leicht jeden Zügels entbundenen Jugend zur Ueberzeugung zu bringen und an dem antiken Staate nachzu⸗ weiſen ſein, auf welchen Grundlagen und Ideen allein Staaten feſt begründet werden können; hier wird darauf aufmerkſam gemacht werden müſſen, wie unausſprechlich lächerlich der dem Alterthume gemachte Vorwurf, es nähre einen zügelloſen Freiheitsdrang und begeiſtere für einen ſtaatsgefährlichen Republikanismus, in einer Zeit klinge, welche nach Erſchöpfung einer Menge von ſtaatlichen Experimenten, um ihren entſetzlichen Jammer zu heilen, wenigſtens die Ueberzeugung gewonnen haben müßte, daß Staatsformen, welchen Namen ſie auch tragen mögen, als ſolche an und für ſich nichts mehr helfen, nicht mehr Schäden auszutilgen vermögen, welche tief in der Entartung ganzer Claſſen und Stände und in der Entſittlichung der Einzelnen ſitzen. Zugleich iſt hier aber auch nachzuweiſen, wie das Alterthum, insbeſondere das römiſche, eine Menge ſtaatlicher Erſcheinungen in einer Vollkommenheit darbiete, welche man bis jetzt bei uns vergeblich erſtrebt hat und mit um ſo größerer Bewunderung betrachten lernt, je mehr die tiefere Einſicht in das innere Leben und die Grundprincipien dieſer ſtaat⸗ lichen Erſcheinungen erſchloſſen wird. Dahin gehören, um nur weniges insbeſondere aus dem politiſchen Leben der Römer hervor⸗ zuheben, die Ideen über Vaterland und Exil, über Barbarenthum und römiſche Civiliſation, gegenüber den modernen Begriffen der Nationalität und des Cosmopolitismus;*) dahin auch die Hin⸗ weiſung auf die religiöſe, politiſche, cenſuale Gliederung des Volkes, welches überdieß ſeinen einzelnen Gliedern auch noch in mannig⸗ faltig ausgebildeten Aſſociationen jeder Art eine beſtimmte Stellung anwies. Wie klein, einfluß⸗ und wirkungslos ſteht die troſtloſe

4) Vgl. G. Bernhardy Grundriß der griechiſchen Literatur 3. Bear⸗ beitung I. S. 171..