Aufsatz 
Pädagogische Bedeutung der Altertumsstudien in der Gegenwart
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

dieſes nicht abhalten immer wieder von neuem, wenigſtens zum Nutzen und Frommen unſerer Jugend, ihrer Erziehung und Bildung, den Blick in die Vergangenheit zurück zu wenden, um dort die umwandelbaren Principien aufzuſuchen und in ihren offen vor⸗ liegenden Erfolgen nachzuweiſen, welche ein geſundes und tüchtiges Leben in religiöſer, wie in ſtaatlicher und geſellſchaftlicher Hinſicht allein nur zu begründen vermögen und alle Zeit begründet haben. Weit mehr als das vielberufene Mittelalter, deſſen Namen man oft noch immer nicht einmal nennen darf, ohne ſofort der ein⸗ ſeitigſten Verfehmung zu verfallen, iſt das claſſiſche Alterthum, die großartige Welt der Griechen und Römer, geeignet und berufen einem Zeitalter vor Augen geſtellt zu werden, welches einen ſo eminenten Theil ſeiner eignen Cultur den unſterblichen Vorarbeiten menſchlicher Bildung in Hellas und Rom ſchuldet und doch den lang und untrüglich an ſich ſelbſt bewährten Erziehungsmitteln in ſchnödem Undanke den Rücken zu kehren verſucht. Wie ander⸗ wärtshin wird ſich der verzweiflungsvolle Noth⸗ und Hilferuf der Zeit auch an die viel geſchmähten Alterthumsſtudien zu richten ge⸗ zwungen werden, um insbeſondere eine Erforſchung und erziehliche Verwerthung derjenigen Seiten des antiken Lebens zu veranlaſſen, welche zugleich als Lebensfragen der Neuzeit einer Löſung entgegen⸗ ſtreben, deren Ende bei den Alles zerſetzenden Leidenſchaften der Gegenwart und der wachſenden Zerſplitterung und Verwirrung der individuellen Anſchauungen Niemand abzuſehen vermag. Man darf wohl kühn behaupten, daß die meiſten jener Lebensfragen und die Bedingungen ihrer Löſung, aus dem Alterthume entnommen und wie in einem Spiegel der modernen Welt, insbeſondere der Jugend, vorgehalten, um ſo weniger ihren wohlthätigen Einfluß zur Beſchwich⸗ tigung wie zur Wiederherſtellung derjenigen Ideen und Grund⸗ ſtätze zu äußern verfehlen werden, auf welchen das ganze Gebäude der ſocialen Ordnung beruht, als grade die antike Welt in ihrer reinen, objektiven Geſchichtlichkeit und Abgeſchloſſenheit dem heutigen, leider nur allzuheftigen Parteiargwohne keinerlei Grund und Anlaß einer gewiſſen Abſichtlichkeit und eines gewiſſen Tendenzbezuges zu einer oder der anderen Parteiſtrebung der Gegenwart geben