Antike und moderne Erziehung.
I.
Pädagogiſche Bedeutung der Alterthumsſtudien in der Gegenwart.
Es iſt eine ſicherlich unleugbare, für den ernſten und denkenden Beobachter der Zeit faſt tragiſche Thatſache, daß wohl mehr als je Völker⸗ und Staatengeſchicke ihrer Erfüllung in einer Weiſe ent⸗ gegengehen, welche den inhaltsſchweren Wahrſpruch des Dichters: Die Weltgeſchichte iſt das Weltgericht' in ſeiner ganzen verhängnißvollen Bedeutung auf das Eindringlichſte vor Augen ſtellt. Von zahlreichen Lehrſtühlen ertönt wohl beinahe täglich die hoch⸗ klingende Phraſe die Geſchichte iſt die Lehrmeiſterin der Menſchheit' und Niemand, wie die Erfahrung zeigt, Niemand, weder Völker noch Einzelne, weder Regierende noch Regierte, weder Groß noch Klein, erachtet es der Mühe werth, auch nur das Ge⸗ ringſte aus ihr zu lernen. Insbeſondere möchte es faſt ſcheinen, als ob vor allen grade die Neuzeit, im Hinblicke auf die unver⸗ kennbaren und großen Errungenſchaften des menſchlichen Geiſtes auf allen Gebieten des Lebens, im Gefühle eigner Untrüglichkeit, mit ſtolzer Selbſtüberhebung jede Beſpiegelung in irgend einer Periode der Vorzeit um ſo entſchiedener zurückweiſe, je rückſichts⸗ loſer der gereizte Parteiargwohn unſerer Tage entweder längſt ſchon und von vornen herein über jene Vergangenheit den Stab gebrochen hat oder im günſtigſten Falle bei ihrer Vergleichung ſofort eine tendenziöſe Abſichtlichkeit wittert. Dennoch aber kann und wird


