vor einer besonderen Prüfungskommission abgelegt wird, deren Mitglieder früher ausschließlich Universitätsprofessoren waren, während nach den neuen Bestimmungen auch Lehrer der höheren Schulen mit herangezogen werden können. Mit dieser Art der Prüfung hängt es auch zusammen, daßs alljahrlich ziemlich eingehende, für das ganze Land gültige Bestimmungen über die in der Prüfung zu behandelnden Autoren und Gebiete der einzelnen Fächer verôffentlicht werden, um einen einheit- lichen Maßstab zu gewinnen und dem Zufall oder der Willkür möglichst vorzubeugen. Dadurch wird die Prüfung teils er- leichtert, teils aber auch erschwert. Denn je genauer und je eher der Prüfling über die in der Prüfung verlangten Dinge unterrichtet ist, desto eingehender wird er sich vorbereiten, und desto höher werden naturgemäß auch die Anforderungen seitens der Prüfenden sein. So hatte ich denn auch bei den mündlichen Prüfungen— sie sind öffentlich—, denen ich in Paris in der Sorbonne beiwohnte, den Eindruck, daß die jungen Leute auf den einzelnen Gebieten, die gerade zur Prüfung vorgeschrieben waren, im allgemeinen erstaunlich viel wußten, während ihre wirklich erreichte Bildung, die Beherrschung des Faches als eines Ganzen, viel zu wenig zur Geltung kam. Der schnelle, oft überaus eintônige Vortrag der Prüflinge und andrerseits das Aufhôren des Rede- flusses, wenn eine unerwartete Frage kam, verrieten nicht selten eine mechanische und einseitige Art der Vorbereitung; und der Umstand, daß an demselben Tische immer zwei Prüflinge von zwei Professoren geprüft wurden, wäâhrend die anderen Mit- glieder der Prüfungskommission und die Zuschauer sich zum Teil recht ungezwungen und lebhaft unterhielten, war wohl für alle Be- teiligten, sicher aber für mich alslernbegierigen Zuhôrerrecht stôrend.
Daß dieses Prüfungssystem den Unterrichtsbetrieb der höheren Schulen ungünstig beeinflussen muß, ist wohl jedem einleuchtend, und der Tüchtigkeit und der aufopfernden Hingabe der französischen Kollegen an ihren Beruf ist es vor allem zu verdanken, daß die Rückwirkung nicht so stark hervortritt, als man erwarten müßte, und sich nur bei den Jahrgängen be- sonders fühlbar macht, die sich der Prüfung näâhern. Ferner wird der Unterrichtsbetrieb der oberen Klassen auch dadurch gestört, daß sich nicht wenige Schüler während der letzten Schuljahre für die Aufnahme in die großen staatlichen Fach- hochschulen(Saint-Cyr, Polytechnique, Ecole centrale, Ecole navale et forestière, Ecole normale) vorbereiten. Zu diesem
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