Aufsatz 
Eindrücke und Beobachtungen während eines Studienaufenthaltes in Frankreich
Entstehung
Einzelbild herunterladen

erheben und zum Teil auch mit Hâusern bedeckt sind, so daß die große Stadt im Tal noch von einer malerisch gelegenen Bergstadt überragt wird. Einen dieser Hügel krönt die pracht- volle Kirche Notre-Dame-de-Fourvière, von deren schõner Terrasse aus ich bei günstiger Beleuchtung wiederholt einen entzückenden Blick nicht nur auf die Stadt und die benachbarten Gebirge, sondern auch auf die gewaltige Kette der Alpen hatte, in der sogar der Montblanc deutlich zu unterscheiden war. In dem altehrwürdigen Lycée, das nach einem großen Sohne der Stadt den Namen Lycée Ampeère führt, in dem Alphonse Daudet zur Schule ging, wohnte ich wiederholt dem Unterricht bei.

Von Lyon aus fuhr ich in den letzten Tagen des April durch das im herrlichsten Blütenschmuck prangende, an Schön- heiten reiche Rhôonetal stromabwärts, um einige Städte zu be- suchen, die durch ihre römischen Altertümer ganz besonders hervorragen. Das ganze Gebiet von Lyon bis zur Rhônemündung, die ganze alte Provence, man kann sagen das ganze südöstliche Frankreich ist ja besonders reich an Erinnerungen aus der Römerzeit. lch machte zunächst Halt in Orange, nach dem das jetzt in den Niederlanden regierende Haus Oranien-Nassau benannt worden ist. Hier bewunderte ich besonders die Uber- reste eines römischen Amphitheaters, das von allen derartigen Gebäuden die am besten erhaltene Bühne besitzt, und einen ebenfalls gut erhaltenen römischen Triumphbogen. Von hier gelangte ich nach kurzer Fahrt zur Pàpstestadt Avignon, wo sich noch viele Erinnerungen an die Zeit der Päpste(130977) finden. Ganz eigenartig berührte mich der Anblick der halbver- lassenen Stadt Villeneuve-lêès-Avignon, die sich einst auf dem anderen Ufer des Rhône alsNeustadt erhob, um die mit der pàpstlichen Hofhaltung in Verbindung stehenden Beamten und Gesandten und geistlichen Niederlassungen aufzunehmen. Da sah ich ganze Straßen, deren ehedem vornehme Häauser, wo Kardinäle und andere hohe geistliche oder weltliche Herren in fürstlicher Pracht lebten, verlassen oder verfallen sind oder armem Volke als billige Wohnung dienen. Avignon ist auch ein Hauptsitz der literarischen und provenzalisch-nationalen Be- wegung der Félibres, die eine neuprovenzalische Literatur ins Leben gerufen haben. Den bedeutendsten dieser Félibres, den Dichter und Gelehrten Frédéric Mistral, lernte ich persönlich kennen. Von Herrn Prof. Morf, dem hervorragenden Romanisten unserer Akademie, hatte ich liebenswürdigerweise eine Empfehlung