Aufsatz 
Hoffnungen und Bestrebungen der Realschulen des Großherzogtums Hessen
Entstehung
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Stoy den früheren Stand der Schulbildung, welche den Eintritt in ein Seminar ermöglichte, für unzu⸗ reichend.Dasſelbe verlangt, ſo ſchreibt er,diejenige Reife, welche die oberſte Claſſe der Unterreal⸗ ſchule oder des Untergymnaſiums(erſte Claſſe der Realſchule ꝛc. zu Alzey) gewährt. In dieſer Vor⸗ ausſetzung wird das ſechzehnte Lebensjahr als Bedingung für den Eintritt angeſehen.Dieſes Maß von Schulbildung reicht aber noch keineswegs aus für den künftigen Volksſchullehrer: darum nimmt das Seminar neben ſeiner eigentlichen pädagogiſchen Aufgabe die Fortſetzung und Ergänzung der Schulbildung in den Seminariſten als ſeine zweite Aufgabe auf.Die künftigen Volksſchul⸗ lehrer bedürfen einer ausgedehnten Unterweiſung nicht blos in pädagogiſcher Praxis, ſondern auch in der Theorie der Pädagogik und ihren Hülfsdisciplinen. Demgemäß muß als Seminarzeit ein Zeitraum von vier oder doch mindeſtens drei Jahren feſtgeſetzt werden, von denen das letzte faſt aus⸗ ſchließlich der pädagogiſchen Bildung beſtimmt iſt.Die vorſtehenden Sätze, ſagt Stoy,ruhen auf einer würdigen Anſicht von dem Amte des Volksſchullehrers und finden durch die wiſſenſchaftliche Päda⸗ gogik ihre unumſtößliche Begründung. Dieſelben ſind, gemeſſen an den kleinlichen Verhältniſſen der Gegenwart, großartig und heben das Volksſchullehrerſeminar höher, als dasſelbe in den meiſten deut⸗ ſchen Schulgeſetzgebungen geſtellt wird. Der Abſtand von den bisherigen Zuſtänden in Oeſterreich iſt aber geradezu ein coloſſaler. Nahe lagen wegen des letzteren Umſtandes mehrfache Beſorgniſſe. Durfte man erwarten, daß junge Leute, welche ſchon vor drei Jahren die Hauptſchule verlaſſen und nunmehr bereits die drei Jahre der Unterrealſchule oder des Untergymnaſiums hinter ſich hatten, der Ausſicht auf einträgliche Stellen im techniſchen Fache oder auf Fortſetzung ihrer Studien in höheren Anſtalten entſagen und dem nothdürftig ausgeſtatteten evangeliſchen Lehramte ſich zuwenden würden? Gott Lob! Der höhere ſittliche Reiz, welcher dem Lehrerberuf einwohnt und welcher im Lauf der Jahrhunderte ſchon oft mächtige Anziehungskraft auf empfängliche Gemüther ausgeübt hat, ſollte auch hier bei dieſer jungen Anſtalt ſich wiederum erweiſen. Es war nur kurze Zeit ſeit dem Bekanntwerden der frohen Botſchaft von der höchſten Genehmigung des Seminarentwurfs verfloſſen, ſo gingen unerwartet ſo viele Meldungen ein, daß am 9. December(1867) einundzwanzig junge Leute am Thore des Seminars ſtan⸗ den, der Aufnahme harrend. Die Lectüre des Stoyſſchen Schriftchens befeſtigt in dem Leſer die Ueber⸗ zeugung, daß die Bildung des Volksſchullehrers geſteigert werden kann, daß höhere Anforderungen an den Seminariſten ſich recht wohl ſtellen laſſen, wenn man nur von maßgebender Seite zu erkennen gibt, daß man die höhere Bildung des jungen Lehrers wolle und ehre und als das beſte Mittel anſehe, um ihn ſelbſt und ſeine Zöglinge wahrhaft glücklich zu machen, und wenn die Staatsregierungen diejenigen Lehrer bevorzugen werden, welche eine ſolche höhere Bildung ſich angeeignet und dabei von einem mit den Inſtitutionen des Staats und der Kirche im Einklang ſtehenden Streben beſeelt ſind.

Wie könnte nun aber in unſrem Lande einerſeits die Thätigkeit der Realſchule die Beſtrebungen des Schullehrerſeminars unterſtützen, andrerſeits die Stellung, welche das Seminar zur Realſchule recht wohl einzunehmen vermöchte, zu einem längeren Beſuch der Realſchule ermuthigen? Da wir den Ein⸗ richtungen der heſſiſchen Seminare ferne ſtehen, ſo vermögen wir dieſe Frage nicht ausreichend zu beant⸗ worten, müſſen vielmehr competenteren Fachmännern die allſeitige Erörterung dieſer Angelegenheit über⸗ laſſen. Allein indem wir wiederum auf Stoy zurückgehen, glauben wir gleichwohl einen beſtimmten Vorſchlag wagen zu ſollen.

Stoy beleuchtet die Organiſation des Seminars, indem er von den oberſten Principien, vom Lehrerberuf und der Lehrerbildung, von den Aufgaben des Seminars im Allgemeinen und von den ein zelnen Aufgaben des Seminars ſpricht. In letzterer Hinſicht beſpricht er die Schulbildung, die pädagogiſche Bildung und die Gemüthsbildung des Seminariſten. Die Grundzüge der Schulbildung entwirft er in folgenden Sätzen:1. Es handelt ſich nicht darum, den Zöglingen ein buntes unbeſtimmbares Vielerlei von Kenntniſſen als eine Auswahl des Wiſſenswürdigſten darzubieten. Es ſollen vielmehr vor Allem die beiden Hauptzweige eines jeden er⸗ ziehenden und veredelnden Unterrichts, Geſchichte, Religion und Literatur einerſeits, Naturwiſſenſchaft mit Mathematik andererſeits in einem ſolchen Umfange und bis zu einer ſolchen Tiefe gelehrt werden, daß der Seminariſt nach ſeiner Entlaſſung aus dem Seminar zur Fortſetzung dieſer Studien Antrieb und Fähigkeit beſitzt. 2. Der Lehrplan des Seminars iſt nicht eine bloße Fortſetzung der zu dem Eintritt ins Seminar vorbereitenden Anſtalten der Unterrealſchule oder des Untergymnaſiums: es erhält der Religionsunterricht jetzt die Stelle eines Unterrichtsgegenſtandes, in welchem der künftige Lehrer ein be⸗