Hoffnungen und Veſtrebungen der Realſchulen Großherzogthums Heſſen.
Director Dr. Becker.
Alzey, den 1. Februar 1871.
Als die allgemeine Wehrpflicht und der einjährige freiwillige Militärdienſt in unſrem Lande eingeführt worden war, bedauerten viele Eltern unſres Landes, daß ſie ihre Söhne in früheren Jahren entweder zu frühe aus den Realſchulen, die ſie beſucht, hatten austreten laſſen, oder ſo ſpät denſelben übergeben hatten, daß dieſelben das Zeugniß für den Freiwilligendienſt nicht mehr erwerben konnten. Auch uns ſagte damals mancher Vater:„Hätte ich doch ahnen können, welche Vortheile jetzt und in Zukunft der Beſuch der Realſchule ihren Schülern bietet, wie gern wollte ich meinem Sohne eine voll⸗ ſtändige Realſchulbildung gewährt haben!“ Man fügte auch wohl hinzu:„Wäre es doch möglich ge⸗ weſen, den bevorſtehenden Umſchwung, welchen das heſſiſche Realſchulweſen erleben mußte, vorauszuſehen!“
Die gegenwärtige Lage unſrer Realſchulen iſt den Verhältniſſen ähnlich, in welchen das heſſiſche Realſchulweſen im Frühjahr 1867, zur Zeit der Einführung der neuen Militärverfaſſung, ſich befand. In dem ruhmvoll geeinten Vaterlande bilden ſich jetzt Beziehungen des höheren Schulweſens der ver⸗ ſchiedenen deutſchen Territorien, welche für die heſſiſchen Realſchulen vielleicht von kaum zu ahnender Bedeutung ſein werden. Die Veränderungen, welche vorausſichtlich im heſſiſchen Realſchulweſen wohl erſtrebt werden, dürften von größerer Bedeutung für unſre Realſchulen, für die Schüler derſelben und für die Angehörigen der letzteren ſein, als ſelbſt die Einführung des Freiwilligendienſtes, deſſen Seg⸗ nungen uns erhalten bleiben, es jemals geweſen iſt. Sollte es darum nicht im Intereſſe unſrer Schule, ihrer Schüler und deren Eltern liegen, ſchon jetzt von der gehofften Neugeſtaltung unſrer Realſchulen zu ſprechen und dieſelbe in einzelnen Bezirken unſres Landes anzubahnen?
Man wird ſchwerlich irren, wenn man annimmt, daß die heſſiſchen Realſchul⸗Abiturienten nach Ver⸗ lauf eines Zeitraums von 6—8 Jahrenzahlreicherer Berechtigungen ſich erfreuen werden, als in der Gegen⸗ wart, und daß ſelbſt diejenigen, welche in den nächſten Jahren unſre ſeitherigen unvollſtändigen Real⸗ ſchulen verlaſſen werden, wenigſtens theilweiſe an den Vortheilen Theil nehmen können, welche eine
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