Aufsatz 
Der einjährige freiwillige Militairdienst und die Realschule des Großherzogtums Hessen
Entstehung
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währen. Daß das logiſche Auffaſſungsvermögen und ſomit auch der mathematiſche Verſtand durch gründliche Betreibung der lateiniſchen Grammatik und ein ſtreng methodiſches Verfahren beim Ueberſetzen aus dem Lateiniſchen und in dasſelbe geſchärft wird, liegt in der Natur der Sache, und iſt eine, auch von den Lehrern der Mathematik oft bezeugte Wahrnehmung. Je weniger in der Regel die Schüler ſelbſt von dieſem Nutzen der Beſchäftigung mit dem Lateiniſchen volle Einſicht haben, um ſo wichtiger iſt es, daß ſie gewöhnt werden, nehen den übrigen Lehrgegenſtänden der Realſchule, welche einen auch für ſie leichter erkennbaren praktiſchen

Vortheil haben, einem anderen aus Pflicht und um des allgemeinen geiſtigen Wachsthums willen, ihren Fleiß zuzuwenden. So kann die Betreibung des Lateiniſchen außer der Zucht, welche ſie überhaupt dem jugend⸗ lichen Geiſte gewährt, auch zur Nährung des wiſſenſchaftlichen Sinns und zur Stärkung der Willenskraft in Anſpruch genommen werden.

Bei zweckmäßiger Behandlungsweiſe hat es an gutem Erfolg des lateiniſchen Unterrichts auf Real⸗ ſchulen bisher nicht gefehlt; der beabſichtigte Nutzen kann jedoch nur erreicht werden, wenn der Unterricht mit deutlichem Bewußtſein der Grenzen ertheilt wird, welche ihm auf der Realſchule geſteckt ſind. Jedem philo⸗ logiſchen Lehrer iſt darum die durch den beſonderen Zweck dee Schule gebotene Reſignation in wiſſenſchaft⸗ licher Mittheilung zur Pflicht zu machen. Die grammatiſche Unterweiſung und Uebung muß ſich in den un⸗ teren und mittleren Klaſſen auf dasjenige beſchränken, was für die höheren eine unentbehrliche Vorausſetzung bildet. In dieſem beſchränkteren Gebiet aber iſt Sicherheit der Kenntniß und Gewandtheit der Anwendung zu erzielen; die Belaſtung des Gedächtniſſes mit vielen Ausnahmen, ſingulären Formen, Regeln, Ausdrucks⸗ weiſen, iſt fern zu halten. Hienach können z. B. beim erſten Unterricht die griechiſchen Formen der latei⸗ niſchen Declination vorläufig übergangen, die Grundregeln ſehr abgekürzt werden u. dgl. m. Das Erlernen von Regeln, ohne daß ſofort Uebungen hinzutreten, iſt zwecklos, und Uebungen, die ſich in ſteter Einförmig⸗ keit wiederholen und ohne die Mannichfaltigkeit ſind, welche die Aufmerkſamkeit rege erhält, und zum Combiniren und Denken nöthigt, können keine Luſt an der Sache hervorbringen. Die wichtigſten Regeln ſind an nor⸗ malen, dem Gedächtniß feſt einzuprägenden Beiſpielen zu firiren. Die Vocabelkenntniß muß nach beſtimmten Geſichtspunkten begründet und erweitert werden, ſo daß die Schüler ſo viel wie möglich überall das der Be⸗ deutung nach Zuſammengehörige merken, das ähnlich Klingende unterſcheiden lernen, und durch dieſen Wort⸗ vorrath bald zu dem Gefühl eines in der fremden Sprache erworbenen Beſitzes kommen. Derſelbe hat jedoch nur ſo viel Werth, wie er verwendet wird.

Die Uebungen im Ueberſetzen ins Lateiniſche ſind für die grammatiſche Sicherheit des Ueberſetzens aus dem Lateiniſchen unentbehrlich, und dauern, vorzüglich in der Form von Retrovertirübungen, die zugleich zum Variiren der Sätze Gelegenheit geben, bis zum Eintritt in die Prima fort. Der Stoff zu den Exercitien und Extemporalien iſt angemeſſen auszuwählen; die für Gymnaſien beſtimmten Uebungsbücher laſſen ſich dazu nur theilweiſe benutzen.

Zum Ueberſetzen aus dem Lateiniſchen bedürfen die Schüler in den mittleren Klaſſen zuvörderſt einer Anleitung zur Präparation; und für die erſte Zeit iſt es zweckmäßig, daß der Lehrer ſelbſt durch Leſen des lateiniſchen Textes und genaues Vorüberſetzen den Schülern das nachzuahmende Muſter gebe. Auf deutliche Einſicht in die Structur und Verbindung der Sätze, ſo wie auf Angemeſſenheit des deutſchen Ausdrucks iſt beim Ueberſetzen auch deshalb beſonders Gewicht zu legen, weil der Bildung im Gebrauch der Mutterſprache daraus eine weſentliche Unterſtützung erwächſt. Es muß möglichſt viel geleſen werden, weshalb ſich die Interpretation nicht in grammatiſche und lexicaliſche Excurſe verlieren darf, die von der Sache ab⸗ führen. Die bei den Schülern vorhandene Kenntniß vom Inhalt der Autoren iſt beim hiſtoriſchen und deutſchen Unterricht nicht unbenutzt zu laſſen.

Zum Ziel iſt das Verſtändniß der leichteren hiſtoriſchen Proſa und erzählenden Poeſie zu nehmen. Wie demnach Cäſar, Salluſt, Livius, Ovid, Virgil, nebſt leichteren Reden des Cicero, nach wie vor in den Schul⸗ gebrauch genommeu werden können, ſo empfiehlt ſich für denſelben eine gute Chreſtomathie aus Livius, mit einem Anhange erleſener Stellen aus anderen proſaiſchen und poetiſchen Autoren, deren Nutzen durch ſpar⸗ ſame und Nachdenken erfordernde Anmerkungen und Winke für Verſtändniß und Ueberſetzung noch erhöht werden kann. Einz ſolche, für den beſonderen Zweck der Realſchule eingerichtete Chreſtomathie würde u. a. auch Stellen aus der Germania und andere auf Deutſchland bezügliche Abſchnitte aus den Annaleu des Ta⸗ citus anfnehmen können; eben ſo einzelne Oden und Stellen aus Horaz; beide Autoren ſelbſt ſind von der Einführung in Realſchulen ausgeſchloſſen. Um der Beſprechung abweichender Lesarten u. dergl. überhoben zu ſein, haben die Lehrer darauf hinzuwirken, daß wo möglich alle Schüler einer Klaſſe dieſelbe Ausgabe des eingeführten Autors beim Unterricht benutzen.(Aus den erläut. Bem. zur Unt. u. Prüf.⸗Ordn. v. 6. Oct. 1859).