Aufsatz 
Ueber die deutschen Vorträge in Prima / von A. Baur
Entstehung
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Das Memorieren nun iſt, wenn es richtig betrieben wird, keineswegs mit jener Entſchiedenheit zu verwerfen, der man ſo häufig begegnet. Freilich ſollte man alle Arbeiten von größerer Ausdehnung nicht einfach dem Gedächtnis, ſondern ganz eigentlich dem Verſtande anvertrauen. Man durchdringe ſich tief mit den Hauptideen, ihren Gründen und ihrem logiſchen Zuſammenhang, wofür natürlich eine richtige Ein⸗ teilung und ein lichtvoller Plan ganz unerläßlich ſind ¹). Dann wird das Gedächtnis keine hemmende Sklavenkette, ſondern ein leitender Pfad und ein dienſtbarer Strom ſein, der dem Redenden die Gedanken zuführt, als ob ſie ſoeben ſeinem Inneren entſprängen. Stets iſt es hierbei von Nutzen, ſich immer an ein und dasſelbe Manuſkript zu halten, da das Ortsgedächtnis die einfachſte, ſicherſte und treuſte Art des Gedächtniſſes überhaupt bildet.

Aber auch die rein äußere Seite muß jetzt ſchon ihre Berückſichtigung finden. Wer jemals im Leben in die Lage gekommen iſt, öffentlich zu ſprechen, der weiß, wieviel zu dem Erfolg der richtige Gebrauch eines ſchönen Organs beiträgt, und für die Bildung dieſes Organs können ſehr wohl auch unſere Uebungen nutzbar gemacht werden. Das iſt aber nur möglich, wenn der Vortrag zu Hauſe ganz oder in einzelnen Teilen laut und aufmerkſam geſprochen wird. Sich ſelbſt zu hören, iſt eine große Kunſt, und doch iſt das Ohr der erſte Lehrer und Kritiker aller ſprachlichen Darſtellung 2). Man achte alſo hier ſchon auf eine korrekte Ausſprache der Konſonanten und insbeſondre der Endbuchſtaben, auf richtiges Atemholen, auf Stärke und Betonung, wie auf Tempo und Rhythmus der Rede.

Gehalten werden die Vorträge am beſten gleich zu Anfang derjenigen Stunden, für die ſie feſtgeſetzt der Vortragſeibſt. waren. Nimmt man etwa jede zweite Stunde einen Vortrag, der im Durchſchnitt 8 10 Minuten dauert, a. Zeit und Ort.

ſo werden die andern Aufgaben keineswegs beeinträchtigt, während für unſre Uebungen eine ſichere Grund⸗ lage gewonnen iſt. Der Redende tritt ſtets von ſeinem Platze auf den Katheder, damit er ſowohl ſelbſt eine freie Poſition gewinnt, als auch ſeine Zuhörer ins Auge faſſen und deren Blicke auf ſich lenken kann. Die hiergegen vorgebrachten Bedenken ³), daß der Platz auf dem Katheder dem Lehrer allein zukomme, und durch das linkiſche Benehmen des lieben Mitſchülers die Spottluſt der Jugend herausgefordert werde, ſind im Grunde nicht ernſt zu nehmen; ſie werden durch die Erfahrung glänzend widerlegt, und das um ſo mehr, als die Jungen ſchon von der unterſten Klaſſe an gewöhnt ſind, den Deklamator von Gedichten frei vor ihrer Mitte ſtehen zu ſehen. Um dieſe Freiheit des Redners aber zu einer vollſtändigen zu machen, geſtatte man demſelben auch nicht die Benutzung einer Dispoſition; lieber mag der Zunächſt⸗ ſitzende das etwaige Manuſkript nachleſen und nötigenfalls einhelfen.

Ueber Inhalt und Form beſonders zu ſprechen, erſcheint überflüſſig; ſie werden in gleicher Weiſe wie bei den Aufſätzen beobachtet und beurteilt. Was den Vortrag zum Vortrag macht, iſt eben der Vortrag, und darum können wir uns hier auf die äußere Erſcheinung desſelben beſchränken.

Vor allem beherzige die Jugend den Satz: caput artis decere, eine Wahrheit, die ebenſowohl in geiſtigem wie in körperlichem Sinne zu nehmen iſt. In Rückſicht auf ſein Alter und ſeinen Stand muß der Sprechende ſich jeder perſönlichen Zudringlichkeit enthalten und beſcheiden hinter ſeinen Gegenſtand zurücktreten; eine der gewöhnlichſten Klippen für den oratoriſchen Anſtand iſt die Eitelkeit des Redners, die Sucht zu glänzen und zu gefallen, die ein affektiertes Weſen in Stil, Stimme und Haltung zur un⸗ ausbleiblichen Folge hat. Dieſem Grundſatze gemäß ſoll der Vortragende auch den häufigen Wechſel der Füße, ſowie unruhige Bewegungen der Arme und Hände zu vermeiden ſuchen, indem er von vornherein eine ungezwungene, aber feſte Stellung einnimmt, die ihm geſtattet, längere Zeit ohne Unbequemlichkeit auszuharren. Man achte dieſe kleinen Regeln, ſowie alles, was das Aeußere angeht, nicht gering; trotz der gänzlich veränderten Umſtände und Ziele kann es auch uns noch zu denken geben, wenn ein Demoſthenes dem äußeren Vortrag den erſten, zweiten und dritten Preis zuerkannte ¹), und wenn Redner wie AÄſchines, Cicero und Hortenſius demſelben fortgeſetzt die größte Sorgfalt gewidmet haben.

¹) Vgl. Cic. de or. 2, 86, 353 ordo est maxime, qui memoriae lumen affert. ²) Bal. Palleske, Die dunſ des Vortrags, 3. Aufl. S. 18.

3) Lehmann a. a. O. 95 4) Cic. de or. III 53, Ac. Brut. 38, 142. or. 17, 56. Quint. XI b, 6.

b. Aeußeres im allgemeinen.