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Jugend vernichten. Derartige Verkehrtheiten mußten die Uebungen ſchon von vornherein in einem zweifel⸗ haften Lichte erſcheinen laſſen, und die politiſche Redſeligkeit des Jahres 48 hat das Ihrige gethan, ſie vollends in Mißkredit zu bringen.
Die Aufgaben müſſen unmittelbar dem Unterricht entſpringen oder doch im innigſten Zuſammenhange mit demſelben ſtehen. Das beſte iſt, ſie einfach auf das Gebiet des deutſchen Unterrichts zu beſchränken, und wer den unerſchöpflichen Reichtum dieſes Gebiets, zugleich die vielen hier zu löſenden Aufgaben erwägt, wird dieſe Beſchränkung nicht mißbilligen. Alles, was Stoff zu einem Aufſatze giebt, eignet ſich auch zur Darlegung durch den Vortrag; höchſtens ſtelle man für dieſen die Themata etwas leichter, um ſachliche Schwierigkeiten nicht ohne Not zu häufen ¹). Da durch jeden Vortrag möglichſt alle Schüler gefördert werden ſollen, ſo müſſen die Stoffe auch allen gleichmäßig bekannt ſein, denn nur ſo iſt ein warmes Intereſſe und wirklicher Nutzen zu erwarten. Doch hüte man ſich, dieſe Forderung einſeitig zu übertreiben, da ſie beiſpielsweiſe eine Ausbeutung unſrer neueſten Litteratur, deren Werke in einer größeren Zahl von Exemplaren nicht zu beſchaffen ſind, ſehr erſchweren und faſt unmöglich machen würde. Einen beſonderen Nutzen wird die Behandlung klaſſiſcher Proſawerke bieten, wenn bei ihnen neben dem Inhalt der ſprachlichen Form die gebührende Aufmerkſamkeit zugewendet wird; ſie ſind das beſte Mittel, einen muſtergültigen Stil zu be⸗ obachten und zu üben.
In erſter Linie alſo kommt die deutſche Litteratur von Luther bis auf die neueſte Zeit in Betracht. Bezüglich der Auswahl hier Vorſchläge im einzelnen zu machen, erſcheint nicht angängig, da ſich dieſelbe durchaus nach dem jeweiligen Stand der Klaſſen⸗ und Privatlektüre zu richten hat. Nächſtdem ziehe man die fremdländiſche Litteratur inſoweit heran, als es der Gang des deutſchen Unterrichts erfordert. Hier iſt die Grenze ſchon leichter feſtzuſtellen. Unter den Griechen ſind Homer und einige Dramen des
„Sophokles(Ajas, Antigone, König Oedipus, Philoktet) zu berückſichtigen; von den Römern eventuell Vergil und Horaz. Unter den engliſchen Dichtern iſt es zunächſt Milton, auf den wir durch Bodmer und Breitinger, ſowie durch Klopſtocks Meſſias geführt werden während uns Leſſing zu Shakeſpeare über⸗ leitet. Dieſer letztere insbeſondre muß im reichſten Maße für unſere Zwecke in Anſpruch genommen werden; denn da dieſem größten Dramatiker der Weltlitteratur im Rahmen der Schullektüre ein breiter Raum leider nicht zugeſtanden werden kann, muß er in der Hauptſache auf die Privatlektüre und die Vorträge beſchränkt bleiben. Unter allen Umſtänden aber iſt es ſo einzurichten, daß von ihm wenigſtens ein Römerdrama(Julius Cäſar oder Coriolan), ein Königsdrama(Richard II., Heinrich IV. erſter Teil, Richard III.) und eine der großen Tragödien(am beſten Macbeth, aber nicht in der Schiller'ſchen Be⸗ arbeitung) den Schülern bekannt gemacht werden. Die franzöſiſche Litteratur kann füglich unbeachtet bleiben, falls man nicht eines der in der Hamburger Dramaturgie beſprochenen, oder von Göthe und Schiller bearbeiteten Stücke heranziehen will.
So geleitet ſind dieſe Uebungen ein vortreffliches Mittel nicht nur zur Bildung des Stils und der ſprachlichen Gewandtheit, ſondern auch zur Wiederholung, Vertiefung und Erweiterung der in Unterricht und Privatlektüre erworbenen Kenntniſſe; und iſt es nicht ein Zeichen, daß Ziel und Methode die richtigen ſind, wenn neben dem Hauptzweck eine Reihe von Nebenzwecken gleichſam von ſelbſt erreicht wird?
²) Vel. Dir. Conf. Schleſ. 1870.


