für einen ſchönen Stil erheblich fördern ¹); legt man doch in Frankreich auf das Auswendiglernen muſtergültiger Proſaſtücke einen ganz beſonderen Wert! Ständige Gelegenheit, den zuſammenhängenden Vortrag zu üben, bietet ferner der Unterricht in der Geſchichte; aber auch Religion, Geographie und ſelbſt die Naturwiſſenſchaften können in gleicher Weiſe für unſeren Zweck fruchtbar gemacht werden.
Es hat denn auch nicht an Stimmen gefehlt, die auf Grund dieſer Thatſachen die Notwendigkeit„erdigken beſonderer Vortragsübungen überhaupt in Abrede geſtellt haben ²). Und doch ſprechen gewichtige Gründe beſonderer nicht nur für eine Beibehaltung, ſondern für eifrigſte Pflege und Ausgeſtaltung derſelben. Es iſt ſchon, Uebungen. rein prinzipiell genommen, nicht richtig, die Entwicklung eigner Gedankenreihen lediglich den geſchriebenen Aufſätzen zuzuweiſen, da hierdurch die ſchriftliche Darſtellung über die mündliche ein Uebergewicht erhält, das weder in der Natur der Sache noch in praktiſchen Rückſichten eine Begründung findet. Das Natürliche iſt durchaus, daß das Hauptgewicht nicht auf die geſchriebene und geſehene, ſondern auf die geſprochene und gehörte Sprache gelegt wird ³). Man ſollte daher die Vorträge den Aufſätzen als mindeſtens gleichwertig an die Seite ſtellen; wir hätten gewiß nicht ſo unter dem„papiernen Stil“ zu leiden, wenn dieſe Erwägung ſchon früher maßgebend geweſen wäre.
Ferner iſt es ein Mangel an harmoniſcher Ausbildung, zum wenigſten aber eine Einſeitigkeit, wenn jemand einen gegebenen Stoff zwar richtig zu durchdenken und ſchriftlich auszuarbeiten, nicht aber in mündlicher Darſtellung zu entwickeln vermag. Die ganze Bildung eines Menſchen erſcheint abgeſchloſſen durch das fari posse, quae sentiat ⁴); es iſt der ſicherſte Gradmeſſer einer innerlich angeeigneten, in Teiich und Blut übergegangenen Bildung.
geiter aber hat die geſamte Entwicklung unſres modernen Lebens in Staat, Geſellſchaft und Verkehr dem lebent digen Worte zu einem entſchiedenen und nicht nur vorübergehenden Siege über den geſchriebenen Buchſtaben verholfen. Wie oft bleibt daher hier die beſſere Meinung und die tiefere Einſicht machtlos, weil im gegebenen Moment die ſprachliche Darſtellungsfähigkeit verſagt. Wenn es nun richtig iſt, daß den Strömungen des öffentlichen Lebens ſich der Unterricht in der Mutterſprache am wenigſten entziehen kann, ſo iſt es auch Pflicht des Gymnaſiums, ſeine Zöglinge, die doch berufen ſind, dereinſt die Leiter anderer zu ſein, auch in dieſer Hinſicht mit dem nötigen Rüſtzeug auszuſtatten ⁵)..
Schließlich darf man ſelbſt auf erziehlichem Gebiete einen nicht geringen Gewinn von dieſen Uebungen erwarten. Sie ſind von erheblicher Bedeutung für die Zucht des Willens, da ſie den Redenden zwingen, die Gedanken mit beſonderer Ausdauer und Schärfe auf ſeinen Gegenſtand gerichtet zu halten, damit das richtig und konſequent Durchdachte auch klar und fließend zum Ausdruck gelange. Ebenſo werden ſie einen guten Grund legen zur Ueberwindung der natürlichen Scheu, von der ſo viele ergriffen werden, ſo⸗ bald ſie vor einer größeren Ve ſammlung reden ſollen.
Unter denen aber, die für Beibehaltung beſonderer Uebungen eingetreten ſind, gehen die Meinungen n der über die zweckmäßigſte Art ihrer Vorbereitung vielfach auseinander. Die Frage iſt: ſollen die Vorträge Vorbereitung. extemporiert, ſollen ſie nach bloßem häuslichen Durchdenken oder nach ſchriftlicher Ausarbeitung gehalten werden.
Jene künſtlicheren Uebungen, bei denen den Schülern erſt in der Stunde ein Thema mitgeteilt a. Euemporterte wurde, worauf dann nach%½l ſtündiger Meditation der Redekampf mit Replik und Duplik entbrannte, Vornge. werden jetzt wohl nirgends mehr betrieben; und das mit vollem Recht, denn es muß auf das ernſteſte wider⸗ raten werden, junge Leute ohne eingehende Vorbereitung ſprechen zu laſſen, damit nicht die Zuverſichtlich⸗
Lnt Sdiler Sind in unſeren Gymnaſien zum Zwecke redneriſcher Ausbildung beſondere Uebungen notwendig? n Ztſchr. f. d. G. W. 44(1890) 12 f.
²) 89 Tir. Conf. Weſtfalen 1867. Verſ. Rhein. Schulm Köln 1892 in Zeitſchr. f. d. G. W. 46(1892) 522 ff. Aehnlich Müller ebenda 679 f.
³) R. Hildebrand, Vom deutſchen Sprachunterricht, S. 6. 32— 66. Laas, Der deutſche Unterricht, 2. Auflage 140 f.
⁴) Hor. ep. I 4, 9.; val. auch Thuk. II 60, wo Perikles ron ſich rühmt 0508O«c ioat e styat Tyval ts Tà SEOvA val Suνεοοσσν mꝭada.
5) Vgl. Schiller in Ztſchr. f. d. G. W. 44(1890) 19.


