Zweck.
Vorübungen.
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Redner zu bilden liegt nicht in der Aufgabe des Gymnaſiums und kann ſomit auch nicht der Zweck unſrer Uebungen ſein. Denn wirkliche Reden ſollen oder ſollten wenigſtens nur von völlig durchgebildeten Männern gehalten werden, da hierzu eine reiche innere und äußere Erfahrung, Kenntnis der menſchlichen Seele wie des praktiſchen Lebens, vor allem aber ein ausgereifter und in ſich geſchloſſener Charakter gehört. Ohne das iſt alles Reden Windbeutelei. Leider hat dieſe Einſicht nicht von vornherein obgewaltet. Man hat beiſpielsweiſe in den 40er Jahren ernſte Anläufe genommen, auf unſerem Gebiete zu be⸗ friedigenden Reſultaten zu gelangen; aber mit dem Gedanken, die Schüler„Reden“ halten zu laſſen, und vollends mit der Forderung einer ſyſtematiſchen Unterweiſung in der Rhetorik wurden dieſe Uebungen gleich in eine falſche Bahn geleitet, und eingeſtandenermaßen blieb der Erfolg weit hinter den Erwartungen zurück.
Die Vortragsübungen können nur den Zweck haben, die Schüler zu einer korrekten, geordneten und womöglich geſchmackvollen mündlichen Wiedergabe eigner Gedanken zu befähigen. Dieſe eignen Gedanken werden ſtets entweder unmittelbar aus dem Unterrichtsſtoffe entſprungen ſein oder doch in innigſtem Zu⸗ ſammenhange mit demſelben ſtehen. Nur über ſolche Themata ſoll der Schüler ſprechen, die er vollſtändig inne hat; dann wird er von ſelbſt fern bleiben von der Verſtiegenheit, die ehemals junge Leute veran⸗ laßte, über Dinge, die außerhalb ihrer Faſſungskraft lagen, Worte zu machen.
Freilich aber dürfen die der Bildung des mündlichen Ausdrucks geltenden Beſtrebungen weder auf die Prima noch auf den deutſchen Unterricht allein beſchränkt bleiben. Allbekannt iſt heute die Forderung, daß jeder Lehrer jede Stunde mittelbar zu einer deutſchen Sprachſtunde machen ſoll. Von unten herauf halte man daher die Schüler jederzeit an, laut und in ganzen Sätzen zu antworten. Es iſt doch auffallend, daß die Jungen, die man untereinander oft in einer Diskuſſion begriffen ſieht, der es weder an Gründen noch an Ausdrücken mangelt, dem Lehrer gegenüber eine Zurückhaltung und Einſilbigkeit zeigen, die ſich gar zu gerne begnügt, nur das Allernötigſte zu ſagen, und jede Antwort auf das knappſte Maß beſchränkt. Die tiefer liegenden Urſachen dieſer eigentümlichen Erſcheinung, wie das Schwinden der kindlichen Un⸗ befangenheit u. ä., mögen jetzt unerörtert bleiben; nur eine Vermutung ſei es geſtattet hier auszuſprechen. Viele Lehrer dringen ſchon in den unterſten Klaſſen auch in den Antworten der Schüler auf ein durchaus korrektes Schriftdeutſch, indem ſie jeden mundartlichen Klang und Ausdruck zurückweiſen oder gar ver⸗ ſpotten. Die Folge davon iſt, daß der Knabe, ſtatt allmählich in das Schriftdeutſch übergeleitet zu werden, ſeiner eignen Ausdrucksweiſe die Hochſprache als etwas Fremdes gegenübergeſtellt ſieht, in dem er ſich nicht zurechtfinden, nicht heimiſch fühlen kann; ſo wird er kopf⸗ und mundſcheu gemacht und mag dazu leicht die Verhöhnung ſeines Dialekts als eine perſönliche Kränkung empfinden ¹).
Namentlich aber müſſen die Schüler auf allen Stufen und in allen Fächern nach gewiſſen Abſchnitten der Lektüre oder eines Lehrvortrags Veranlaſſung finden, in kurzer, aber zuſammenhängender mündlicher Darſtellung kund zu thun, ob ſie das Geleſene oder Mitgeteilte ſich zu eigen gemacht haben. Dabei werden ſie eine beſondere Aufmunterung darin erblicken, daß der Lehrer zunächſt ruhig abwartet, wie weit es dem Zögling gelingt, ſeine Gedanken zu entwickeln, und nicht ſofort eingreift, wenn die Rede nicht gleich in Fluß kommen will. Durch häufiges oder gar ungeduldiges Corrigieren wird das jugendliche Gemüt leicht ſchüchtern oder trotzig; beides Zuſtände, die einer ruhigen Ausführung der Gedanken nicht eben förderlich ſind.
Dceer Stoff, der uns dieſergeſtalt entgegentritt, iſt ein überreicher: im deutſchen wie im fremdſprachlichen Unterricht Nacherzählen und Umgeſtalten des Leſeſtücks, zuſammenfaſſende Inhaltsangaben größerer Ab⸗ ſchnitte der Lektüre, Bemerkungen über Leben und Schriften der Autoren; ſpeziell im Deutſchen wird das Leſen guter proſaiſcher Abhandlungen unter beſonderer Berückſichtigung der ſprachlichen Seite das Gefühl
¹) Ueber den Dialekt in der Schule vgl. Schiller, Handbuch der prakt. Pädag. 3. Auflage, 310 f. Rudolf Hilbeltand Vom dlutſchen Sprachunterricht, 4 Aufl. 66 ff.


